Die Abtei auf der Insel Reichenau

Bald nach seiner Gründung kam das „Heim mit Mühle“ unter die Grundherrschaft des Klosters Reichenau. In jenem Zeitraum begann „für das von den karolingischen Königen begünstigte Kloster ein Zeitalter der schönsten Blüte und der grossartigsten Kulturleistungen. Kein anderer Ort in Alemannien hat damals ähnliches erreicht, die Reichenau stieg zu abendländischer Bedeutung empor“. Das Inselkloster wurde zu einem geistigen und kulturellen Mittelpunkt im Frankenreich, war bekannt und berühmt wie heute eine der grossen Hauptstädte Europas.

Die reichenauischen Mönche stammten durchwegs aus dem Hochadel. Sie konnten ohne Schwierigkeiten in denen ihnen schon bei der Gründung geschenkten Gebieten die Abgaben einsammeln lassen. Sie mussten keine körperliche Arbeit verrichten, nichts hielt die Mönche von ihren geistigen und kulturellen Tätigkeiten ab.

So konnte wenige Jahrzehnte nach der Gründung mit Abt Waldo (786 – 806) das „goldene Zeitalter“ der Benediktinerabtei  beginnen. Waldo wurde der Begründer der Gelehrtenschule und der Bibliothek, in der fleissig abgeschrieben wurde. Im Jahre 822 besass die Reichenau bereits 415 Handschriftenbände.

Weitere kulturell hervorragende Persönlichkeiten und ihre Leistungen waren folgende:

  • Heito (763 – 822). Er war ein hochadeliger Allemanne. Er war ein Ratgeber von Karl dem Grossen, der über ein Reich regierte, das von Dänemark über Spanien bis Norditalien reichte.  Heito war aber vor allem der Wissenschaft und der Bildung zugetan, er förderte Dichtung, Bibliothek und Klosterschule. Unter ihm wurde das Münster erbaut; kein anderer Dom wies damals ähnliche Ausmasse und Pracht auf.
  • Walahfried Strabo (809 – 849). Er war ein genialer Dichter in lateinischer Sprache. Unter seiner Leitung als Abt erblühte das wissenschaftliche Leben des Klosters zu höchstem Ruhm. Maler, Ärzte, bücherschreibende Mönche, aber auch grossartige Handwerker wurden bewusst gefördert. Zu seiner Zeit waren die Reichenauer Mönche Muster und Vorbild für andere Klöster. Bücher und Musikinstrumente, auf der Insel hergestellt, wurden nach auswärts verschickt.
  • Witigowo ( 924 – 977). Er lebte in der Nachwelt vor allem als grossartiger Bauherr weiter. Unter anderem liess er das Münster zu Mittelzell erheblich vergrössern. Unter ihm entstanden in der Kunstschule die weltberühmten Buchminiaturen der Reichenau. Handschriften wurden mit Initialen und Ornamenten in leuchtenden Farben verziert.
  • Hermann der Lahme (1013 – 1054). Er wies eine erstaunlich umfassende und vielseitige Arbeitsleistung auf. Er war zugleich Mathematiker, Astronom und Musiker, schrieb aber auch eine grosse Weltchronik. Es war die erste zusammenhängende Aufzeichnung auf deutschem Boden.

 

Die Reichenau in der Reichspolitik

Weil die Reichenau eine königliche Stiftung war, immer in der Gunst der Könige stand, nur von Hochadeligen bewohnt werden konnte und die Äbte meist von Königen und Päpsten auserwählt wurden, konnte sie sich kaum aus der Reichspolitik heraushalten.

Schon Abt Walahfrid wurde in der Zeit, als sich das Kaiserreich Karls des Grossen in einen französischen und einen deutschen Teil spaltete, als Erzieher an den Königshof gerufen.

Ein anderer Abt, Hatto III., stieg im Jahre 891 zu höchsten Würden im Reiche empor: er wurde Erzbischof von Mainz und Erzkanzler des Kaisers. Von ihm heisst es, er habe nacheinander „drei Könige mehr beherrscht als ihnen gedient“. Auch andere Reichenauer Mönche finden wir als Ratgeber am Königshof oder im Dienste eines Kaisers.

Nebst der politischen Mitarbeit scheuten sich die geistlichen Autoritäten aber auch nicht, aktiv in Kriege einzugreifen. Im sogenannten Investiturstreit (im 11. Jahrh.) ergriff auch der vom Papst eingesetzte Abt Ekkehart zum Schwert – gegen das Kloster St. Gallen, welches auf der Seite des Königs stand. In diesem 23jährigen Reichskrieg im Thurgau wurde „von baider seite vil brand, roub und an mancher ort todschlag an vilen menschen volbracht“. Zum Glück für Müllheim fanden die meisten Kämpfe im westlichen Kantonsteil und rund um St.Gallen statt.

Auch später gab es für die geistlichen Herren immer wieder einen Grund, übereinander herzufallen. In vielen Reichsstreitigkeiten stritten die Äbte in voller Ritterrüstung mit. Noch im 12. Jahrhundert finden wir sie in der Nähe von Königen und Kaisern. Der grosse Kaiser Barbarossa, mit dem Abt Diethelm mehrmals über die Alpen gezogen war, errichtete nochmals eine grosse Zentralgewalt. Als er 1190 starb, begann das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ in viele Teile zu zerfallen. Es folgten sich Könige und Gegenkönige, machtlose Kaiser und kaiserlose Zeiten.

Zugleich begann der Niedergang der Reichenau. Von wissenschaftlichen oder künstlerischen Leistungen des Inselklosters hören wir nichts mehr, der sittliche Stand der hochedlen Konventsherren gab zu Klagen Anlass.

Als im Jahre 1250 der letzte Kaiser aus dem Geschlecht der Staufer, Friedrich II., starb, ging auch für die Reichenau die grosse Epoche zu Ende. Danach folgte Missmirtschaft und Zerrüttung der finanziellen Verhältnisse, bis schliesslich der gesamte Besitz vom Bischof zu Konstanz übernommen wurde.