Geschichte über die paritätische Kirche Müllheim

Von Richard Löhle, Müllheim. Erschienen im Thurtal-Anzeiger vom 26. Oktober 1962 – 11.Oktober 1963
Kantonsbibliothek Thurgau L 5417

 

Auf dem kleinen Hügel im Oberdorf steht etwas abseits von der Straße und doch von ihr aus gut sichtbar — die jetzt paritätische Kirche unseres Dorfes. Wuchtig reckt sich wie ein Wächter und Beschützer des an ihn sich schmiegenden Langhauses der massive Turm in die Höhe. Die schlichte architektonische Gestalt des wohl unterhaltenen Gebäudes mit den Rundbogenfenstern wird vom Betrachter als gefällig und heimelig empfunden. Seit dem Bestehen dieses Gotteshauses widmeten ihm Bevölkerung und Behörden besonderes Interesse, bildete es doch die Stätte, in welcher der sonntägliche Gottesdienst, die freudigen Anlässe wie Taufe und Hochzeit gefeiert wurden und die Beerdigungsgottesdienste stattfanden. Für einen stattlichen Teil der heutigen Gemeindeeinwohner besitzt die Kirche noch die gleiche Bedeutung wie früher.

Seit 1942, dem Jahr, da in der katholischen Kirchgemeinde ein eigener Kirchbaufonds gegründet wurde, rückte die Frage nach einer Auflösung des paritätischen Verhältnisses immer mehr in den Vordergrund. Der vorausschauende Blick auf die sich daraus ergebenden Folgen – vor allem finanzieller Art – weckte die Anteilnahme der Allgemeinheit an allen damit zusammenhängenden Problemen. Bei einigen, die sich besonders intensiv mit diesen Gegenwarts- und Zukunftsangelegenheiten befassen, kam zugleich der «Gwunder» nach der Vergangenheit. Dieser wurde noch mehr angestachelt, als im Bericht über die evangelische Kirchgemeinde vom 28. August der Satz stand: «Wegleitend war u. a. auch die Ueberlegung, daß unser Gotteshaus seinerzeit ausschließlich von der evangelischen Kirchgemeinde erstellt wurde und das Simultanverhältnis erst später geschaffen wurde.» – Die Leser, welche einige Geschichtskenntnisse besitzen, haben rasch bemerkt, daß hier ein Irrtum vorliegt. Das Studium des Artikels «Geschichtliches über Müllheim» von Franz Huser im Thurtal-Anzeiger vom 29. August 1952 und der «Geschichte von Müllheim» von Pfarrer Sulzberger, welche auch die Quellen zur folgenden Darstellung gebildet haben, vermittelt eine klare Antwort auf die Frage nach der Zeit und den Verhältnissen, in welchen die Kirche erbaut und später mehrmals renoviert worden ist.

 

Von der Vorgeschichte bis zur Reformation

So wie das Gotteshaus von der profanen Welt umgeben ist, so wickelt sich auch seine Geschichte im Rahmen des übrigen menschlichen und politischen Geschehens ab. Wir richten unsern Blick daher zurück in jene Epoche, in welcher das Dorf Müllheim entstanden ist. Sein Name weist darauf hin, daß es von den Alemannen gegründet worden ist, im Gegensatz zum benachbarten Pfyn, welches auf die römische Grenzsiedelung «Ad fines» zurückgeht. Im dritten Jahrhundert nach Christus drangen von Norden her die germanischen Alemannen in das von den Helvetiem bewohnte und von den Römern beherrschte Land südlich des Rheins ein. Sie ließen sich hier nieder, errichteten an günstigen Plätzen neue Siedelungen und übertrugen auf die von ihnen unterworfene teils keltische, teils räthische Bevölkerung, mit der sie sich allmählich vermischten, ihre Sprache und Kultur. Wie der Name sagt, entstand das Dorf in einer Gegend, die sich für den Mühlenbau eignete. Erst im elften bis zwölften Jahrhundert kamen hier die von Wasserkraft angetriebenen Getreidemühlen auf. Für solche eignete sich das am sonnigen Südhang des Seerückens gelegene Gebiet, in dem mehrere Bäche vom waldigen Hügel herab- und zusammenfließen, besonders gut. So wurden am heutigen Dorfbach die vordere Mühle (die spätere «Sägi») und die hintere Mühle gebaut. Im Gebiet des Heckenmooses klapperte die sogenannte «schlechte Mühle» und im Grenzgelände gegen Pfyn wurde der stattliche Maltbach errichtet. An einem nicht mehr feslstellbaren Platz stand eine Burg, in der die Edlen von Müllheim wohnten. Diesen verdanken wir die ersten schriftlichen Aufzeichnungen des Gemeindenamens, da sie mehrmals als Zeugen bei Beurkundungen auftraten. Das erste Mal wurde der Name Müllheim in einer Urkunde vom 1. März 1254 erwähnt (wie schade. daß man vor acht Jahren diesen Anlaß zu ei- ner 700-Jahrfeier vergessen und verpaßt hat). Aus solchen Schriftstücken konnte auch festgestellt werden, daß Müllheim anno 1275 be- reits Kirchdorf war und folglich ein Gotteshaus besaß. In seiner Anfangszeit und nach dem Erlöschen des Geschlechtes der Edlen von Müllheim (nach 1321) gehörte die Gemeinde unter die Grundherrschaft des Klosters Reichenau. Dieses ließ durch seinen Verwalter (Vogt genannt) die Zehnten einziehen. Das Kloster ernannte auch die Pfarrer, ein Recht, das später auf den Bischof von Konstanz überging. Lange Zeit stand in den Akten nichts über die Kirche, dagegen viel über die Seelsorger, die in ihr wirkten. Es wurde erwähnt, daß die jetzige Kirche im Jahr 1473 erbautworden sei. Über den Standort und das Schicksal der Vorgängerin war nichts vermerkt. Möglich wäre es, daß diese am 5. September 1445, in der Zeit des alten Zürichkrieges, ebenfalls Schaden erlitten hatte, als die in Wil lagernden Eidgenossen auf einem ihrer Streifzüge das Dorf Müllheim niederbrannten. Zuerst baute man dann wohl die Wohn- und Oekonomiegabäude wieder auf und ging zuletzt daran, an die Stelle des alten ein neues und größeres Gotteshaus zu errichten.

 

Ein Stück dörfliche Kirchengeschichte

Die Glaubensspaltung zu Beginn des 16. Jahrhunderts brachte auch in die thurgauischen Landgemeinden mannigfache Bewegung. Die damaligen Besoldungsverhältnisse, welche die Pfarrer neben ihrer Amtstätigkeit zur Besorgung von Rehberg, Feld und Stall zwang, die oft nur oberflächliche, den Charakter kaum bildende Schulung und der Gegensatz zu dem mit weltlicher Macht und Reichtum ausgestatteten hohen Klerus machten die niedere Geistlichkeit für die Lehren der Reformatoren emp- fänglich. lhr von der Kanzel aus gehender Einfluß verband sich mit dem politischen des benachbarten Standes Zürich, so dass sich auch ein großer Teil der Bevölkerung dem neuen Bekenntnis zuwandte. So geschah es auch in Müllheim, wo zu jener Zeit Magister Heinrich Feet aus Frauenfeld amtete. 1527 übernahm dieser in seiner Vaterstadt eine Kaplanspfrund. Sein Nachfolger Prädikant Andreas Klinaler hatte Differenzen mit der Gemeinde, weil er einen Zehnten forderte, dessen Hälfte für die Kirche bestimmt war und außerdem beanspruchte er die Jahrzeitgelder, welche seit der Reformation (1530) der Kirche zugut kamen. Durch Vermittlung verschiedener Amtsleute gelangte man zu einem Vergleich. 1533 vertauschte Prädikant Klingler die Pfrund mit Pfarrer Jörger in Tägerwilen. Der Rat von Zürich hatte den Bischof von Konstanz um die Einwilligung ersucht und diese vermutlich erhalten. Der Oberhirte der große Teile Süddeutschlands und der Nordschweiz umfassenden Diözese hatte als Herr des Klosters Reichenau nicht nur die Gerichtshoheit, sondern auch das Kollaturrecht, mit welchem er in den ihm unterstehenden Gemeinden die Pfarrer ernennen durfte. Uns erscheint es eigenartig. daß in einer Zeit, da man alte Formen und Gebräuche wenig zimperlich wegräumte. diese überlieferten Rechte achtete und weiter gelten ließ. So blieb es bis zum Einmarsch der Franzosen anno 1798, daß der katholische Bischof in Müllheim und anderen Gemeinden die evangelischen Prediger ernannte. Das ging selbstverständlich nicht immer reibungslos; denn die sieben alten Orte als weltliche Herren des Thurgaus mischten sich gelegentlich darein. So geschah es 1555, als der Bischof auf Empfehlung des Rates von Zürich den Adeligen Johannes von Ulm zum Pfarrer von Müllheim bestimmte. Die fünf katholischen Orte verlangten die Absetzung desselben und der Bischof entsprach diesem Wunsch trotz dem Einspruch Zürichs.

Mit der Ernennung von Josua Jäger von Müllheim im Januar 1559 gelangte eine in drei Generationen in der Gemeinde tätige Pfarrerdynastie auf die Pfrund. Während der Amtszeit Wolfgang Jägers (1587-1611) wurde das paritätische Verhältnis geschaffen. Vier bis fünf Familien waren nach der Reformation dem alten Glauben treu geblieben. Es war das begreifliche Bestreben der katholischen AmtsIeute der Reichenau, ihren Glaubensbrüdem zu helfen und deren Einfluß zu fördern. Mit dem Bischof hofften sie, das ihnen unterstehende Volk gelegentlich wieder für ihr Bekenntnis zu gewinnen. Wir müssen Verständnis dafür aufbringen, daß diese Wiedervereinigungsbestrebungen mit allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgt wurden, wobei die Politik oft die wichtigere Rolle spielte als die Überzeugungskraft der Lehre und das gute Beispiel deren Verfechter.

Am Anfang des 17. Jahrhunderts wehrte Amtmann Ludwig Lacher in Frauenfeld die Lehensrechte der Reichenau in unserer Gemeinde. Mit besonderem Eifer setzte er sich für die Wiedereinführung des katholischen Gottesdienstes in der Müllheimer Kirche ein. Er wurde dabei von den fünf katholischen Orten (Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzem und Zug), die mit den beiden reformierten Orten Glarus und Zürich die weltliche Herrschaft der Landvogtei Thurgau darstellten, kräftig unterstützt, während der Pradikant Wolfgang Jäger mit seinen Untergebenen sowie der ihm beistehende Stand Zürich sich ebenso energisch dagegen wehrte. Nach einem regen Briefwechsel und mündlichen Verhandlungen an der Tagsatzung kamen am 10. Mai 1607 die Abgeordneten der fünf Orte sowie von Zürich und Glarus in Müllheim zu einer Konferenz zusammen. Nachdem mehrere Einwohner Müllheims vor derselben um die Wiedereinführung der Messe gebeten hatten, gaben die Gesandten von Zürich und Glarus nach, indem sie im Interesse des Landfriedens an andern Orten Gegenrecht verlangten. Die Parteien einigten sich zu folgendem Vertrag:

  1. Der katholische Gottesdienst soll im Sommer bis 8, im Winter bis 9 Uhr dauern. Doch ohne Gefahr für beide Teile, wenn derselbe etwa eine halbe Stunde länger währe
  2. Der Altar soll zwar mit einem Gitter versehen werden, der Chor aber offen bleiben.
  3. Die Katholischen sollen ihre Zeremonien wie es an andern Orten üblich ist ausfüh- ren.
  4. Die Sakristei kann von beiden Teilen benutzt werden; es erhält daher jeder Teil dazu Schlüssel, um ihre Gewahrsamen (Lade) daselbst zu halten. Sofern die Evangelischen einen eigenen Behälter wünschen, soll ihnen derselbe ans dem Kirchenqut gemacht werden.
  5. Die Katholischen sollen ihren Taufstein auf der andern Seite bei den Weiberstühlen auf- stellen.
  6. Wachs und Öl sollen aus dem Kirchenfonds angeschafft werden.

 

Das Abkommen, mit welchem das paritätische Verhältnis in der Müllheimer Kirche eingeführt wurde, zeigt, daß auch in früheren Jahrhunderten friedliche Verhandlungen das erste und beste Mittel der Politik waren. Der Bischof mußte anfänglich allein für die Besoldung des von ihm ernannten katholischen Seelsorgers aufkommen. Er hoffte, diesem die Pfrund, welche bisher der evangelische Pfarrer als Lehen innehatte, übergeben zu können und dieses Ziel mit der vom urnerischen Landvogt Anton Schmid angeregten Absetzung von Wolfgang Jäger zu erreichen. Ueber diesen lagen verschiedene Klagen vor. So hieß es, er sei ein «unruhiger und rebellischer Mann». Zürich verteidigte ihn aber und zögerte seine Zustimmung zur Abberufung des Prädikanten hinaus, nachdem es den Zweck derselben erkannt hatte. So blieb Jäger, bis er im Dezember 1611 starb. Der Kollator ließ darauf die Stelle unbesetzt, bis Zürich ihn mit einem Schreiben vom 6. Mai 1612 mahnte. Der Wunsch der Zwinglistadt‚ evangelisch Müllheim in eine Filiale von Pfyn umzuwandeln, konnte aus rechtlichen Gründen nicht verwirklicht werden. Ihrem Vorschlag entsprechend erhielt der Sohn des verstorbenen Dekans Jäger vom Bischof am 25. Februar 1615 den Lehenbrief. Wolfgang Jäger jun. hatte seit dem Tode seines Vaters als Vikar die reformierten Müllheimer betreut. 1612 schon war die Abkurung beschlossen worden, wonach der Prädikant das bisherige Einkommen erhielt, davon aber jährlich auf Martini zur Besoldung des katholischen Pfarrers 60 Gulden, einen Wagen Heu, einen Wagen Stroh, den Widumzins und den Ertrag des Jahrzeitenfonds leisten mußte. Ferner gehörten dem Priester eine Juchart Reben. Dem katholischen Mesmer waren acht Gulden und die Kosten für Wachs und Oel aus dem Kirchengut zu bezahlen. Das Neben- und Uebereinandergreifen von so vielen kirchlichen und weltlichen Instanzen, die menschlichen Leidenschaften und Schwächen aller Beteiligten führten immer wieder zu Zwistigkeiten, die in oft lange dauernden schriftlichen und mündlichen Verhandlungen wieder geschlichtet werden mußten. Wir können aber im Folgenden nur noch das erwähnen, was über die baulichen Erneuerungen an der Kirche und alle damit zusammenhängenden Anschaffungen. Auseinandersetzungen und Unterhandlungen berichtet ist. So meldet die Chronik:

lm Jahre 1548 gestattete der Bischof Markus Sittich der Gemeinde. «eine neue Glogge zu gießen und in den Kilchenthurm henken zu lassen», doch soll dieselbe nicht aus dem Hauptgut der Kirche, sondern aus dem jährlichen Einkommen bezahlt werden. Sollte in den Jahren, bis die Schuld abbezahlt, am Dach oder Gebäude der Kirche etwas zu bauen sein, so verpflichtet sich die Gemeinde durch einen Revers dies auf eigene Kosten zu bestreiten, ohne dass die Reichenau in Mitleidenschaft gezogen würde.

In den folgenden 200 Jahren scheinen an der Kirche keine großen Reparaturen nötig gewesen zu sein, denn die Akten melden nichts Davon, während in der gleichen Epoche über die Baufälligkeit der beiden Pfarrhäuser etliches geschrieben steht.

Am 29. März 1749 berichtet Pfarrer Bartholomäus Steger dem Bischof in einem Brief, dass die reformierte Gemeinde den Bau einer neuen Emporkirche beschlossen habe. Die Gemeinde wolle dazu das Holz liefern. Für Fuhren sollen Pferd und Mann mit einem Gulden und für Frondienst der Mann pro Tag mit drei Batzen entschädigt werden. Der Bischof sträubte sich lange, die gewünschte Einwilligung dafür zu geben, daß die Bauausführung auf Kosten des Kirchengutes gehe. Erst als Amtmann Rüpplin ihm die nachteiligen Folgen einer allfälligen Verweigerung schilderte, gab der Gerichtsherr seine Zustimmung. Über die Erstellung der Empore schweigt die Geschichte, welche dafür dem Streit um die Kirchenstühle ein besonderes Kapitel widmet. Es war damals eine umfassende Erneuerung des Gotteshauses, das während 285 Jahren der Gemeinde gedient hatte, nötig geworden. Der bischöfliche Baumeister Franz Singer in Meersburg schilderte in einer Baubeschreibung vom 22. Juni 1756. daß das Langhaus 44.5 Fuß (ca. 13,4 m) lang und 33 Fuß (ca. 10 m) breit, das Chor 28 Fuß (8,4 m) lang und 20 Fuß (6 m) breit sei.

Zum Boden der Kirche mußte man vom Vorplatze her zwei Tritte (1 1/2) hinabstei- gen. Diese eineinhalb Schuh gedachte man nun auszufüllen und die Mauern um 10 Fuß zu erhöhen und an jeder Seite drei Fenster an- rubringen. Diejenigen im Chor waren eben- fills zu erweitern und mit neuen Bogen zu rersehen. Die Zimmermannsarbeit wurde auf 70 Gulden, die Maurerarbeit auf 418 Gulden 45 Kreuzer, die Kosten für den Schreiner auf 58, für den Schlosser auf 75 G. 20 Kr. und für den Glaser auf 90 G, 12 KL, das ganze Werk somit auf 812 Gulden 17 Kreuzer berechnet, wobei aber der Materialbedarf an Kalk, Holz, Brettern usw. nicht inbegriffen war. Am 6. Januar 1758 gelangten Vorsteher und Bürger der Gemeinde an den Bischof, mit dem Gesuch, den Bau ungefähr in der genannten Ausdehnung sowie eine neue Bestuhlung und die Versetzung der Kanzel in die Ecke gegen Mitternacht (Norden), damit man in der gan- zen Kirche Einblick ins Chor habe, zu gestatten. Zur Bestreitung der Kosten gedenke die Gemeinde zu verwenden: «1. Den Vorschlag von 557 Gulden im Kirchengut, den sie durch Sparsamkeit gemacht, 2.100 bis 120 G. Erlös für Holzboden außerhalb des Müllheimergerichts, der nun ausgehauen werde und ihnen keinen Nutzen bringe, 3. Die Gemeinde habe sich zu Frondienst und Lieferung von 90 Stämmen Holz zu billigstem Preis bereit erklärt, 4. Man hofft auf freiwillige Beiträge von den Ausbürgem in Müllheim und Langenhard, 5. “Der evangelische Pfarrer und katholischerseits Leutnant Wyler sollen die Aufsicht führen.” Sie erbitten dann vom Bischof einen Beitrag und erflehen zum Schluß «vom allmächtigen Beherrscher Himmels und der Erde, daß er Euer hochfürstliche Eminenz den getroffenen Jahreswechsel höchst gesegnet, glückhalt und erfreulich wolle sein lassen. Der Gott der Götter segne Ihre Regierung, er befestige Ihre Gesundheit, er lasse Ihre Lebensjahre viel werden und immerhin ihre Tage köstlich sein und bleiben in seinen Augen.»

Der bischöfliche Rat erwog, daß der Bau einerseits seine Kasse möglichst wenig in Anspruch nehme und dazu durfte er keine Mittel für die Bedürfnisse der katholischen Gottesdienstes entziehen, wofür sonst die episkopalen Finanzen hätten eintreten müssen. Es wurde anerkannt, daß nach thurgauischem Brauch die Gemeinde das Langhaus oder Schiff (navis ecclesiae) und der Kollator das Chor zu bauen verpflichtet war. Der Bischof verlangte Auskunft, wie viel von den vorhandenen Mitteln auf das Schiff und wieviel auf das Chor entfallen, ferner ob nach dem Bau das Kirchengut noch kräftig genug wäre für die Neuanschaffungen von Paramenten für den katholischen Gottesdienst, da sich die alten in einem schlechten Zustand befänden. Amtmann Wirz bejahte die letztere Frage, fand aber, daß bei der Renovation des Chors einiges eingespart werden könnte. Obervogt Ratzenried schlug vor, der Gemeinde 350 Gulden zu geben. Der Bischof stimmte dem am 5. Mai 1758 zu; der Betrag sei aber erst nach Vollendung des Werkes auszuzahlen. Vom 2. Oktober 1758 datiert die «Ueberkommnis und Verabredung», die zwischen Obervogt Witz, Amtsschreiber Rogg, Pfarrer Steger und Quartierleutnant Jakob Wyler auf der einen und Baumeister Jakob Fisch aus Rottweil auf der anderen Seite getroffen wurde. ln der Beschreibung der auszuführenden Arbeiten wird erwähnt, daß die Mauern von Chor und Langhaus um 7-8 Fuß erhöht werden sollen, ein gewölbter Dachstuhl zu erstellen sei und eine neue Bestuhlung «und zwar durchaus mit Lehnen, so kommod als möglich eingerichtet». Für den Bau sind dem Unternehmer 1000 Gulden zugesagt, und «so er zum Vergnügen ausfälltn, wenigstens zwei Dublonen Trinkgeld. Die Gemeinde liefert ihm das benötigte Bauholz, sei es dännis oder eichisx samt 100 Stück tannenen Brettern. Alle Baumaterialien werden ihm «ohne sein Entgelt» auf den Platz geführt, Es werden ihm täglich vier Mann als Handlanger gegeben.

 

  1. Teil (bis hier her bearbeitet am 12.4.2014, Florian Homberger)

 

Die Arbeit wurde im Sommer 1759 ausgeführt, und am 18. Dezember berichtete Ober- Vogt Wirz nach der’ Reichenau, daß der Bau «nunmehr seine Endschaft erreicht hat.» Nun stellten sich die Fragen nach der inneren Aus- stattung und Ausschmückung. Am 6. Oktober 1759 meldete Obervogt Wirz. daß in der alten Kirche «fünf Heilige zu beiden Seiten des Altars an der Mauer gemalt gewesen. die durch die Kirchenreparierung theils zerfallen oder sonst vernichtet worden sind.» «Da sie nun nicht nur als Zier, sondern auch zum Zeichen einer katholischen Kirche gedient», so bitte er, damit nichts vom alten Wesen ver- loren gehe. um die Erlaubnis, sie «sammt den lnsignien E. hochf. Eminenz. sowie denen des ehemaligen gnädigsten Herrn. wieder malen zu lassen.» Die Kosten würden nicht über 80 Gulden betragen. lm gleichen Schreiben stand auch eine Bitte um ’70 Stück Quader- steinen von Oehningen zum Belegen des Cho- res und eines Teils des Langhauses. Am 31. Oktober 1759 bewilligte der bischötliche Rat das Gesuch. Schwieriger war darüber zu ent- scheiden, wohin der reformierte und der ka- tholische Taufstein zu stellen sei. Dem Begeh- ren. beide in das Chor zu stellen. stellte die Bistumsbehörde den Einwand entgegen, es könne nicht gestattet werden, den reformier- ten Taufstein dorthin zu stellen, da dieser Teil auf dem Aarauerfrieden den Katholiken zur Ausübung ihres Gottesdienstes «privativé» zugeeignet wurde. Mit einer weiteren Bitte um einen neuen Altar gelangte Kaplan Franz Jo- sef Summerberger am 6. August 1760 an den Oberhirten. Der alte passe nicht mehr in die erneuerte Kirche. Der Obervogt befürwortete dieses Begehren und der Bischof zeigte sich hier mehr als sonst willig und freigebig. indem seine Kasse die Kosten für einen Altar in «marmorierter Stuckaturarbeit» übernahm, in- dem ein hölzerner für 300 Gulden zu gering wäre. Die Gemeinde hatte aber eine Bestätigung zu geben. daß das «aus keiner Schuldig- keit, sondern lediglich amore religionis (aus Liebe zur Religion) und zur Förderung der Ehre Gottes geschehen sei.» — Am 6. August schrieb Obervogt Witz, daß die Gemeinde Müllheim «proprio motu» die Kirchenstühle unter sich ausgeteilt habe. Sie gehörten aber niemandem zu Eigentum. sondern waren nur «ad dies vitae» (zu Lebenstagen) zu benutzen. Der bischöfliche Rat empfahl dem Obervogt. die ihm vorbehaltene Genehmigung zur pro- jektierten Stuhlverteilung zu geben. Am 20. Januar 1765 übermittelte Kaplan Summerber- ger nochmals ein die Ergänzung der Bauten und die Erneuerung der Paramente betreffen- des Gesuch an Obervogt Wirz. in welchem er außerdem bedauert, daß ein «Gatter» um den Altar, wie es vor der Renovation bestand, fehlte. Ob dieser Brief zu einer Erfüllung der Wünsche führte, konnte in den Akten nicht festgestellt werden. In diesen vermißt man ebenso einen Hinweis über den Ausgang der Streitigkeiten um die Kirchenstühle, die zur gleichen Zeit, als die Bauarbeiten an der Kirche vorbereitet und ausgeführt wurden. nicht nur die Parteien, sondern auch die Behörden bis hinauf zuden Ehrengesandten’ der Tagsatzung und den Gerichtsherm zu Meets- burg beschäitigten. Bürgermeister fitter bean- spruchte lür sich, seine Frau und die Tochter ihm gehörende besondere Kirchenstühle. Er wurde als ein wohlhabender und angesehener, aber auch anspruchsvoller und gewalttätiger Mann geschildert. Die Gemeinde, unterstützt von Obervogt Riipplin (dem von der Reichen- au bestellten Verwalter der Leben und nie- deren Gerichtsbarkeit), von Pfarrer Steger so» wie besonders vertreten durch Johannes Brid- ler und Hans Heinrich, wandte sich energisch gegen das bisher nicht übliche Ansinnen. Euer fand dagegen Rückhalt bei dem damals in Frauenfeld residierenden Landvogt Felix Lud- wig Wäber aus Schwyz. Da dieser für die sieben eidgenössischen Orte die hohe Laud- gerichtsbarkeit eusübte. besaß er ein ebenso großes Gewicht wie die Gemeinde und alle hinter ihr stehenden Instanzen —- zu denen auch der Bischof gehörte -—— zusammen, So kam es wahrscheinlich zu dem gut schwei- zerischen Kompromiß, wie er im weiter oben erwähnten Beschluß über die Austeilung der Kirchenstühle zur Darstellung gelangte.

 

 

Zum Boden der Kirche mußte man vom Vorplatze her zwei Tritte (1‘/2′) hinabstei- gen. Diese eineinhalb Schuh gedachte man nun auszufüllen und die Mauern“ um 10 Fuß zu erhöhen und an jeder Seite drei Fenster an- rubringen. Diejenigen im Chor waren eben- fills zu erweitern und mit neuen Bogen zu rersehen. Die Zimmermannsarbeit wurde auf 70 Gulden, die Maurerarbeit auf 418 Gulden l5 Kreuzer, die Kosten für den Schreiner auf i8, für den Schlosser auf 75 G. 20 Kr. und für len Glaser auf 90 G, 12 KL, das ganze Werk omit auf 812 Gulden 17 Kreuzer berechnet, wobei aber der Materialbedarf an Kalk, Holz, lrettern usw. nicht inbegriffen war. Am 6. Ja.- ‘uar I758 gelangten Vorsteher und Bürger der Zemeinde an den Bischof. mit dem Gesuch. en Bau ungefähr in der genannten Ausdeh-

 

nung sowie eine neue Bestuhlung und die Versetzung der Kanzel in die Ecke gegen Mitternacht (Norden), damit man in der gan- zen Kirche Einblick ins Chor habe. zu gestat- ten. Zur Bestreitung der Kosten gedenke die Gemeinde zu verwenden: «I. Den Vorschlag von 557 Gulden im Kirchengut, den sie durch Sparsamkeit gemacht, 2.100 bis 120 G. Erlös für Holzboden außerhalb des Müllheimerge- ‘richts, der nun ausgehauen werde und ihnen _keinen Nutzen bringe, 3. Die Gemeinde habe sich zu Frondienst und Lieferung von 90 Stäm- men Holz zu billigstem Preis bereit erklärt, 4. Man hofft auf freiwillige Beiträge von den Ausbürgem in Müllheim und Langenhard, 5. “Der evangelische Pfarrer und katholischerseits Leutnant Wyler sollen die Aufsicht führen.» Sie erbitten dann vom Bischof einen Beitrag und erflehen zum Schluß «vom allmächtigen Beherrscher Himmels und der Erde, daß er Euer hochfürstliche Eminenz den getroffenen Jahreswechsel höchst gesegnet, glückhalt und erfreulich wolle sein lassen. Der Gott der Götter segne Ihre Regierung. er befestige Ihre

 

Gesundheit, er lasse Ihre Lebensjahre viel werden. und immerhin llire Tage köstlich ‚ sein und bleiben in seinen Augen.»

 

Der bischöfliche Rat erwog, daß der Bau einerseits seine Kasse möglichst wenig in An- spruch nehme und dazu durfte er keine Mit- tel für die Bedürfnisse der katholischen Got- tesdienstes entziehen, wofür sonst die episko- palen Finanzen hätten eintreten müssen. Es. wurde anerkannt, daß nach thurgauischem Brauch die Gemeinde das Langhaus oder Schiff (navis ecclesiae) und der Kollator das Chor zu bauen verpflichtet war. Der Bischof verlangte Auskunft, wie viel von den vor- handenen Mitteln auf das Schiff und wieviel auf das Chor entfallen, ferner ob nach dem Bau das Kirchengut noch kräftig genug wäre für die Neuanschaffungen von Paramenten für den katholischen Gottesdienst, da sich die al- ten in einem schlechten Zustand befänden. Amtmann Wirz bejahte die letztere Frage, fand aber, daß bei der Renovation des Chors einiges eingespart werden könnte. Obervogt Ratzenried schlug vor, der Gemeinde 350 Gulo

 

den zu geben. Der Bischof stimmte dem am 5. Mai 1758 zu; der Betrag sei aber erst nach Vollendung des Werkes auszuzahlen. Vom 2. Oktober 1758 datiert die «Ueberkommnis und Verabredung», die zwischen Obervogt Witz. Amtsschreiber Rogg, Pfarrer Stcger und Quartierleutnant Jakob Wyler auf der einen und Baumeister Jakob Fisch aus Rottweil auf der anderen Seite getroffen wurde. ln der Be- schreibung der auszuführenden Arbeiten wird erwähnt, daß die Mauern von Chor und Lemg- haus um 7—-8 Fuß erhöht werden sollen, ein gewölbter Dachstuhl zu erstellen sei und eine neue Bestuhlung «und zwar durchaus mit Leh- nen. so kommod als möglich eingerichtet». Für den Bau sind dem Unternehmer i000 Gulden zugesagt, und «so er zum Vergnügen ausfälltn, wenigstens zwei Dublonen Trinkgeld. Die Ge- meinde liefert ihm das benötigte Bauholz, sei es cdännis oder eichisx samt 100 Stück tanne- neu Brettern. Alle Baumaterialien werden ihm «ohne sein Entgelt» auf den Platz geführt, Es werden ihm täglich vier Mann als Handlanger Gegeben.

 

Die Arbeit wurde im Sommer 1759 ausge- führt, und am 18.Dezember berichtete Ober- vogt Wirz nach der Reichenau, daß der Bau «nunmehr seine Endschaft erreicht hat.» Nun stellten sich die Fragen nach der inneren‘ Aus— statfung und Ausschmückung. Am 6. Oktober i759 meldete Obervogt Wirz, daß in der alten Kirche «fünf Heilige zu beiden Seiten des Altars an der Mauer gemalt gewesen. die durch die Kirchenreparierung theils zerfallen oder sonst vernichtet worden sind.» «Da sie nun nicht nur als Zier, sondern auch zum Zeichen einer katholischen Kirche gedient», so bitte er, damit nichts vom alten Wesen ver- loren gehe, um die Erlaubnis, sie «sammt den lnsignien E. hocht’. Eminenz, sowie denen des ehemaligen gnädigsten Herrn, wieder malen

 

zu lassen,» Die Kosten würden nicht über 80 Gulden betragen. Im gleichen Schreiben stand auch eine Bitte um 70 Stück Quader- steinen von Oehningen zum Belegen des Cho- res und eines Teils des Langhauses. Am 31. Oktober 1759 bewilligte der bischöiliche Rat das Gesuch. Schwieriger war darüber zu ent- scheiden, wohin der reformierte und der ka- tholische Taufstein zu stellen sei. Dem Begeh- ren, beide in das Chor zu stellen, stellte die Bistumsbehörde den Einwand entgegen. es könne nicht gestattet werden, den reformier- ten Taufstein dorthin zu stellen, da dieser Teil auf dem Aarauerfvrieden den Katholiken zur’Ausübung ihres Gottesdienstes «privativé» zugeeignet wurde. Mit einer weiteren Bitte um einen neuen Altar gelangte Kaplan Franz Jo- sef Summerberger am 6. August 1760 an den Oberhirten. Der alte passe nicht mehr in die erneuerte Kirche. Der Obervogt befürwortete dieses Begehren und der Bischof zeigte sich hier mehr als sonst willig und freigebig, indem ’ seine Kasse die Kosten für einen Altar in «marmorierter Stuckaturarbeit» übernahm, in- dem ein hölzerner für 300 Gulden zu gering wäre. Die Gemeinde hatte aber eine Bestäti-

 

gung zu geben, daß das «aus keiner Schuldig- keit, sondern lediglich amore religionis (aus Liebe zur Religion) und zur Förderung der Ehre Gottes geschehen sei.» — Am 6. August schrieb Obervogt Wim, daß die Gemeinde Müllheim «proprio motu» die Kirchenstühle unter sich ausgeteilt habe. Sie gehörten aber niemandem zu Eigentum, sondern waren nur «ad dies vitae» _(zu Lebenstagen) zu benutzen. Der bischöfliche Rat empfahl dem Obervogt. die ihm vorbehaltene Genehmigung zur pro- jektierten Stuhlverteilung zu geben. Am 20. Januar 1765 übermittelte Kaplan Summerber- ger nochmals ein die Ergänzung der Bauten und die Erneuerung der Paramente betreffen- des Gesuch an Obervogt Wirz, in welchem er außerdem bedauert, daß ein «Gatter» um den Altar, wie es vor der Renovation bestand. fehlte. Ob dieser Brief ‚ zu einer Erfüllung der Wünsche führte, konnte in den Akten nicht festgestellt werden. In diesen vermißt man ebenso einen Hinweis über den Ausgang der Streitigkeiten um die Kirchenstühle, die zur gleichen Zeit, als die Bauarbeiten an der Kirche vorbereitet und ausgeführt wurden. nicht nur die Parteien. sondern auch die Be-

 

hörden bis hinauf zu den Ehrengesandten der Tagsatzung und den Gerichtsherm zu Meets- burg beschäftigten. Bürgermeister Ether bean- spruchte für sich, seine Frau und die Tochter ihm gehörende besondere Kirchenstühle. Er wurde als ein wohlhabender und angesehener, aber auch anspruchsvoller und gewalttätiger Mann geschildert. Die Gemeinde. unterstützt von Obervogt Rüpplin (dem von der Reichen- au bestellten Verwalter der Leben und nie- deren Gerichtsbarkeit). von Pfarrer Steger so- wie besonders vertreten durch Johannes Brid- ler und Hans Heinrich, wandte sich energisch gegen das bisher nicht übliche Ansinnen. Euer fand dagegen Rückhalt bei dem damals in Frauenfeld residierenden Landvogt Felix Lud- wig Wäber aus Schwyz. Da dieser für die sieben eidgenössischen Orte die hohe Land- gerichtsbarkeit ausübte. besaß er ein ebenso großes Gewicht wie die Gemeinde und alle hinter ihr stehenden Instanzen —— zu.- denen ‚auch der Bischof gehörte —- zusammen. So kam es wahrscheinlich zu dem gut schwei- zerischen Kompromiß. wie er im weiter oben erwähnten Beschluß über die Ausleitung der Kirchenstühle zur Darstellung gelangte.

 

Ein Vergleich der Preise von 1760 und den heutigen —— wie er von vielen Lesern erwartet und begrüßt wird —— ist nur möglich, wenn wir den Umrechnungswert der alten Währung kennen und die Kaufkraft der einstigen wie auch der heutigen berücksichtigen. Das Geld- wesen früherer Jahrhunderte war sehr kompli- ziert, da jeder Stand (im Sinne der heutigen Kantone) seine eigenen Münzen prägte. Im Ge- brauch derselben kannte man aber keine Gren- zen, ja man ließ sogar die ausländischen Du- blonen. Dukaten und Taler ebenso zirkulieren wie die eigenen. Als willkommene und unent- behrliche Anleitung zum Umrechnen und Ver- gleichen der Geldwerte dient uns die Abhand- lung von Ulrich Zingg in der Sammlung «Thurgauische Beiträge zur Vaterländischen Geschichte» über «Das Münzwesen im Thur- gau vom Mittelalter bis zur Wende des 19. Jahrhunderts»‚.die uns vom Staatsarchiv in verdankenswerter Weise zur Verfügung ge- stellt wurde. —— Im Jahre 1852 wurden die vielen damals gebräuchlichen Münzsorten auf die neue Frankenwährung umgerechnet. Dar-

 

nach gab es für 33 Thurgauer Gulden 70 Fran- ken oder für einen Gulden Fr. 2.12. 60 Kreuze} oder 15 Batzen entsprachen ebenfalls einem Gulden (fl.). Ziehen wir in Betracht, daß der Franken von 1852 etwa die Zehnfache Kauf- kraft des heutigen besaß (I kg Milch kostete damals 5,5 Rappen), so ergibt sich, daß ein fl. den Wert von rund 20 Franken der Gegenwart enthielt. Die Beträge für den Kostenvoran- schlag von 1756 würden jetzt daher lauten: Zimmermannsarbeit (170 fl.» Fr. 3 400,- Maurerarbeit (418 fl. 45 kr. Fr. 8 375.– Schreinerarbeit (58 fl. Fr. I 160.– Schlosserarbeit (75 fl. 20 krg Fr. 1 506.65 Glaserarbeit (90 fl. 12 kt.) Fr. 1 804.- Zusammen (812 fl. 17 kr) Fr. 16 245.65 Der Betrag von 350 fl., die der Bischof für die Renovation des Chores stiftete, repräsentiert einen Wert von rund 7000 Franken und die Entschädigung an den Baumeister von 1000 fl; bedeutet 20 000 Franken. Die beiden Dublonen Trinkgeld würden heute mindestens 320 Frau-g.“ ken gelten. —— (Fortsetzung folgt)

 

 

 

 

Zum Boden der Kirche mußte man vom Vorplatze her zwei Tritte (1‘/2‘) hinabstei- gen. Diese eineinhalb Schuh gedachte man nun auszufüllen und die Mauern“ um 10 Fuß zu erhöhen und an jeder Seite drei Fenster an- rubringen. Diejenigen im Chor waren eben- fills zu erweitern und mit neuen Bogen zu rersehen. Die Zimmermannsarbeit wurde auf 70 Gulden, die Maurerarbeit auf 418 Gulden l5 Kreuzer, die Kosten für den Schreiner auf i8, für den Schlosser auf 75 G. 20 Kr. und für len Glaser auf 90 G, 12 KL, das ganze Werk omit auf 812 Gulden 17 Kreuzer berechnet, wobei aber der Materialbedarf an Kalk, Holz, lrettern usw. nicht inbegriffen war. Am 6. Ja.- ‘uar I758 gelangten Vorsteher und Bürger der Zemeinde an den Bischof. mit dem Gesuch. en Bau ungefähr in der genannten Ausdeh-

 

nung sowie eine neue Bestuhlung und die Versetzung der Kanzel in die Ecke gegen Mitternacht (Norden), damit man in der gan- zen Kirche Einblick ins Chor habe. zu gestat- ten. Zur Bestreitung der Kosten gedenke die Gemeinde zu verwenden: «I. Den Vorschlag von 557 Gulden im Kirchengut, den sie durch Sparsamkeit gemacht, 2.100 bis 120 G. Erlös für Holzboden außerhalb des Müllheimerge- ‘richts, der nun ausgehauen werde und ihnen _keinen Nutzen bringe, 3. Die Gemeinde habe sich zu Frondienst und Lieferung von 90 Stäm- men Holz zu billigstem Preis bereit erklärt, 4. Man hofft auf freiwillige Beiträge von den Ausbürgem in Müllheim und Langenhard, 5. “Der evangelische Pfarrer und katholischerseits Leutnant Wyler sollen die Aufsicht führen.» Sie erbitten dann vom Bischof einen Beitrag und erflehen zum Schluß «vom allmächtigen Beherrscher Himmels und der Erde, daß er Euer hochfürstliche Eminenz den getroffenen Jahreswechsel höchst gesegnet, glückhalt und erfreulich wolle sein lassen. Der Gott der Götter segne Ihre Regierung. er befestige Ihre

 

Gesundheit, er lasse Ihre Lebensjahre viel werden. und immerhin llire Tage köstlich ‚ sein und bleiben in seinen Augen.»

 

Der bischöfliche Rat erwog, daß der Bau einerseits seine Kasse möglichst wenig in An- spruch nehme und dazu durfte er keine Mit- tel für die Bedürfnisse der katholischen Got- tesdienstes entziehen, wofür sonst die episko- palen Finanzen hätten eintreten müssen. Es. wurde anerkannt, daß nach thurgauischem Brauch die Gemeinde das Langhaus oder Schiff (navis ecclesiae) und der Kollator das Chor zu bauen verpflichtet war. Der Bischof verlangte Auskunft, wie viel von den vor- handenen Mitteln auf das Schiff und wieviel auf das Chor entfallen, ferner ob nach dem Bau das Kirchengut noch kräftig genug wäre für die Neuanschaffungen von Paramenten für den katholischen Gottesdienst, da sich die al- ten in einem schlechten Zustand befänden. Amtmann Wirz bejahte die letztere Frage, fand aber, daß bei der Renovation des Chors einiges eingespart werden könnte. Obervogt Ratzenried schlug vor, der Gemeinde 350 Gulo

 

den zu geben. Der Bischof stimmte dem am 5. Mai 1758 zu; der Betrag sei aber erst nach Vollendung des Werkes auszuzahlen. Vom 2. Oktober 1758 datiert die «Ueberkommnis und Verabredung», die zwischen Obervogt Witz. Amtsschreiber Rogg, Pfarrer Stcger und Quartierleutnant Jakob Wyler auf der einen und Baumeister Jakob Fisch aus Rottweil auf der anderen Seite getroffen wurde. ln der Be- schreibung der auszuführenden Arbeiten wird erwähnt, daß die Mauern von Chor und Lemg- haus um 7—-8 Fuß erhöht werden sollen, ein gewölbter Dachstuhl zu erstellen sei und eine neue Bestuhlung «und zwar durchaus mit Leh- nen. so kommod als möglich eingerichtet». Für den Bau sind dem Unternehmer i000 Gulden zugesagt, und «so er zum Vergnügen ausfälltn, wenigstens zwei Dublonen Trinkgeld. Die Ge- meinde liefert ihm das benötigte Bauholz, sei es cdännis oder eichisx samt 100 Stück tanne- neu Brettern. Alle Baumaterialien werden ihm «ohne sein Entgelt» auf den Platz geführt, Es werden ihm täglich vier Mann als Handlanger Gegeben.

 

Die Arbeit wurde im Sommer 1759 ausge- führt, und am 18.Dezember berichtete Ober- vogt Wirz nach der Reichenau, daß der Bau «nunmehr seine Endschaft erreicht hat.» Nun stellten sich die Fragen nach der inneren‘ Aus— statfung und Ausschmückung. Am 6. Oktober i759 meldete Obervogt Wirz, daß in der alten Kirche «fünf Heilige zu beiden Seiten des Altars an der Mauer gemalt gewesen. die durch die Kirchenreparierung theils zerfallen oder sonst vernichtet worden sind.» «Da sie nun nicht nur als Zier, sondern auch zum Zeichen einer katholischen Kirche gedient», so bitte er, damit nichts vom alten Wesen ver- loren gehe, um die Erlaubnis, sie «sammt den lnsignien E. hocht’. Eminenz, sowie denen des ehemaligen gnädigsten Herrn, wieder malen

 

zu lassen,» Die Kosten würden nicht über 80 Gulden betragen. Im gleichen Schreiben stand auch eine Bitte um 70 Stück Quader- steinen von Oehningen zum Belegen des Cho- res und eines Teils des Langhauses. Am 31. Oktober 1759 bewilligte der bischöiliche Rat das Gesuch. Schwieriger war darüber zu ent- scheiden, wohin der reformierte und der ka- tholische Taufstein zu stellen sei. Dem Begeh- ren, beide in das Chor zu stellen, stellte die Bistumsbehörde den Einwand entgegen. es könne nicht gestattet werden, den reformier- ten Taufstein dorthin zu stellen, da dieser Teil auf dem Aarauerfvrieden den Katholiken zur’Ausübung ihres Gottesdienstes «privativé» zugeeignet wurde. Mit einer weiteren Bitte um einen neuen Altar gelangte Kaplan Franz Jo- sef Summerberger am 6. August 1760 an den Oberhirten. Der alte passe nicht mehr in die erneuerte Kirche. Der Obervogt befürwortete dieses Begehren und der Bischof zeigte sich hier mehr als sonst willig und freigebig, indem ’ seine Kasse die Kosten für einen Altar in «marmorierter Stuckaturarbeit» übernahm, in- dem ein hölzerner für 300 Gulden zu gering wäre. Die Gemeinde hatte aber eine Bestäti-

 

gung zu geben, daß das «aus keiner Schuldig- keit, sondern lediglich amore religionis (aus Liebe zur Religion) und zur Förderung der Ehre Gottes geschehen sei.» — Am 6. August schrieb Obervogt Wim, daß die Gemeinde Müllheim «proprio motu» die Kirchenstühle unter sich ausgeteilt habe. Sie gehörten aber niemandem zu Eigentum, sondern waren nur «ad dies vitae» _(zu Lebenstagen) zu benutzen. Der bischöfliche Rat empfahl dem Obervogt. die ihm vorbehaltene Genehmigung zur pro- jektierten Stuhlverteilung zu geben. Am 20. Januar 1765 übermittelte Kaplan Summerber- ger nochmals ein die Ergänzung der Bauten und die Erneuerung der Paramente betreffen- des Gesuch an Obervogt Wirz, in welchem er außerdem bedauert, daß ein «Gatter» um den Altar, wie es vor der Renovation bestand. fehlte. Ob dieser Brief ‚ zu einer Erfüllung der Wünsche führte, konnte in den Akten nicht festgestellt werden. In diesen vermißt man ebenso einen Hinweis über den Ausgang der Streitigkeiten um die Kirchenstühle, die zur gleichen Zeit, als die Bauarbeiten an der Kirche vorbereitet und ausgeführt wurden. nicht nur die Parteien. sondern auch die Be-

 

hörden bis hinauf zu den Ehrengesandten der Tagsatzung und den Gerichtsherm zu Meets- burg beschäftigten. Bürgermeister Ether bean- spruchte für sich, seine Frau und die Tochter ihm gehörende besondere Kirchenstühle. Er wurde als ein wohlhabender und angesehener, aber auch anspruchsvoller und gewalttätiger Mann geschildert. Die Gemeinde. unterstützt von Obervogt Rüpplin (dem von der Reichen- au bestellten Verwalter der Leben und nie- deren Gerichtsbarkeit). von Pfarrer Steger so- wie besonders vertreten durch Johannes Brid- ler und Hans Heinrich, wandte sich energisch gegen das bisher nicht übliche Ansinnen. Euer fand dagegen Rückhalt bei dem damals in Frauenfeld residierenden Landvogt Felix Lud- wig Wäber aus Schwyz. Da dieser für die sieben eidgenössischen Orte die hohe Land- gerichtsbarkeit ausübte. besaß er ein ebenso großes Gewicht wie die Gemeinde und alle hinter ihr stehenden Instanzen —— zu.- denen ‚auch der Bischof gehörte —- zusammen. So kam es wahrscheinlich zu dem gut schwei- zerischen Kompromiß. wie er im weiter oben erwähnten Beschluß über die Ausleitung der Kirchenstühle zur Darstellung gelangte.

 

Ein Vergleich der Preise von 1760 und den heutigen —— wie er von vielen Lesern erwartet und begrüßt wird —— ist nur möglich, wenn wir den Umrechnungswert der alten Währung kennen und die Kaufkraft der einstigen wie auch der heutigen berücksichtigen. Das Geld- wesen früherer Jahrhunderte war sehr kompli- ziert, da jeder Stand (im Sinne der heutigen Kantone) seine eigenen Münzen prägte. Im Ge- brauch derselben kannte man aber keine Gren- zen, ja man ließ sogar die ausländischen Du- blonen. Dukaten und Taler ebenso zirkulieren wie die eigenen. Als willkommene und unent- behrliche Anleitung zum Umrechnen und Ver- gleichen der Geldwerte dient uns die Abhand- lung von Ulrich Zingg in der Sammlung «Thurgauische Beiträge zur Vaterländischen Geschichte» über «Das Münzwesen im Thur- gau vom Mittelalter bis zur Wende des 19. Jahrhunderts»‚.die uns vom Staatsarchiv in verdankenswerter Weise zur Verfügung ge- stellt wurde. —— Im Jahre 1852 wurden die vielen damals gebräuchlichen Münzsorten auf die neue Frankenwährung umgerechnet. Dar-

 

nach gab es für 33 Thurgauer Gulden 70 Fran- ken oder für einen Gulden Fr. 2.12. 60 Kreuze} oder 15 Batzen entsprachen ebenfalls einem Gulden (fl.). Ziehen wir in Betracht, daß der Franken von 1852 etwa die Zehnfache Kauf- kraft des heutigen besaß (I kg Milch kostete damals 5,5 Rappen), so ergibt sich, daß ein fl. den Wert von rund 20 Franken der Gegenwart enthielt. Die Beträge für den Kostenvoran- schlag von 1756 würden jetzt daher lauten: Zimmermannsarbeit (170 fl.» Fr. 3 400,- Maurerarbeit (418 fl. 45 kr. Fr. 8 375.– Schreinerarbeit (58 fl. Fr. I 160.– Schlosserarbeit (75 fl. 20 krg Fr. 1 506.65 Glaserarbeit (90 fl. 12 kt.) Fr. 1 804.- Zusammen (812 fl. 17 kr) Fr. 16 245.65 Der Betrag von 350 fl., die der Bischof für die Renovation des Chores stiftete, repräsentiert einen Wert von rund 7000 Franken und die Entschädigung an den Baumeister von 1000 fl; bedeutet 20 000 Franken. Die beiden Dublonen Trinkgeld würden heute mindestens 320 Frau-g.“ ken gelten. —— (Fortsetzung folgt)

 

lm Jahre 1’764 beschädigte ein Sturm den Kirchturm, der damals noch keinen Spitzhelm trug, sondern oben mit einer sog. Käsbisse ab- geschlossen war, erheblich. Die dringende Re- paratur warf die Frage auf, wer die Kosten dafür bezahlen sollte, der Kollator oder die Gemeinde. Mit dieser verhandelte am 20. Ja- nuar 1765 der Obervogt Rüpplin. Seinem Be- richt an den Bischof fügte er eine Rechnung vom Jahre 1763 bei. Diese zeigte, daß durch den vorangegangenen Kirchenbau das Vermö- gen so geschwächt worden war. daß die Ein-

 

künfte nicht mehr genügten, um die laufenden Jahresauslagen zu bestreiten. Die Rechnung wies bei 88 fl. 5 btz. (Fr. 1766.65) Einnahmen

 

112 fl. 6 btz. (Fr. 2248.——) Ausgaben auf und dazu noch eine Kapitalschuld von 110 Gulden (ca. 2200 Franken). Die Gemeinde anerbot sich, Holz, Kalk undanderes Material zur Repara- tur zu liefern und gegen 80 Gulden (1600 Fran- ken), die der Bischof zahlen sollte, dieselbe auszuführen.

 

Der bischöfliche Rat ließ seinerseits in den Archiven nachforschen und an verschiedenen Orten des Thurgaus nachfragen, um dabei festzustellen, daß der Kollator bei den Kir- chenbauten in Langrickenbach, Altnau und Sommeri nichts, in Sulgen —— das dem Pelagi-g. stift in Bischofszell gehörte —- nur ein Gering ges zur Turmbaute zu leisten hatte. Der Lan- desfrieden überbinde dem Kollator nur den Bau und Unterhalt des Chores, sofern die. Kirche paritätisch sei. Aus diesen Gründen,

 

lehnte der Bischof jede Zumutung an die Müllheimer Turmbaute ebenfalls ab und das umso mehr, als die Paramenten für den katho- lischen Gottesdienst dringend zu erneuern waren, wofür der Kollator aufzukommen hatte, wenn der Ertrag des Kirchengutes dazu nicht: ausreichte. Wie die Gemeinde auf den Be- schluß des bischöflichen Rates vom 23. August 1765 reagierte, steht in der Chronik leider nicht geschrieben. Sie schweigt ebenfalls dar- über, wer die schließlich doch ausgeführte Reparatur bezahlt hat. Während den folgenden 40 Jahren geschah die große politische Um- wälzung, die von Frankreich aus nicht nur als Lehre, sondern auch mit Armeen in unser Land getragen wurde. Der Thurgau verwan- delte sich aus einem Untertanenland der sie- ben alten Orte in einen Teil der helvetischen Republik, um dann mit der von Napoleon I. geschaffenen Mediationsverfassung zum gleichberechtigten Kanton zu werden. Damit

 

hatte auch die Gerichtsherrschaft des Bischofs von Konstanz in den Gebieten südlich des Bo- densees und Rheins ihr Ende gefunden. Der Staat übernahm dessen Rechte und Pflichten. Bereits 1806 mußte sich der Regierungsrat als neuer Kollator mit Zehntenstreitigkeiten be- fassen, wobei sich auch allerlei Mißstände zeigten. So befand sich auch die Kirchenrech- nung im Rückstand. Regierungsrat Rogg wur- de am 21.Februar beauftragt, persönlich an deren Abnahme anwesend zu sein. Am 28. Fe- bruar berichtete er, daß im dortigen Kirchen-l wesen die größte Unordnung herrsche. Wie man derselben abhelfen könnte, das sollte laut Beschluß der Kirchenrat untersuchen und vorschlagen. Es zeigte sich auch, daß Repara- turen am Kirchturmdach, am Gewölbe der Sakristei und den Kirchenmauern dringend nötig waren; Die Finanzkommission mußte er- f gründen, wem diese Flickarbeiten zur Last zu fallen hätten.

 

Auf ihren Antrag wurde am 28.Mai be— schlossen, den Unterhalt des Sakristeigewöl- bes dem Staat als Nachfolger des Gerichts- herrn zu Meersburg zu übertragen. Das Aus- bessern der Kirchenrnauer sei Aufgabe der Gemeinde. Diese müsse ferner die Gründe an- geben, nach welchen sie glaube, daß der Bi- schof für die Arbeiten am Kirchturmdach zu-

 

ständig war. Von einer evangelischen und einer katholi-

 

schen Gemeinde ‚spricht die Chronik erstmals im Jahre 1824. Sie waren uneinig wegen der Neuerstellung der zerfallenen Friedhofmauer. Die katholische Gemeinde wies auf die Schwie- rigkeit hin, «bei geringer Seelenzahl und gänz-— lichem Unvermögen ohne einige Erleichte-Ü rung» die auf sie fallenden Kosten aufzubrin-. genrgDer katholische Administrationsrat —— der wohl dem heutigen Kirchenrat entsprach —————i vermittelte und erreichte ein von der Regie» rung bestätigtes Uebereinkommen, nachiwelgr chem die evangelische Gemeinde —-— ohne FOI-fifi gerung für künftige Fälle —.——— die Reparatur für! beide Gemeinden gegen genau festgelegte Ent-

 

schädigung übernahrngi; * (Fortsetzung folgt)

 

I837 war wiederum ein Flickwerk am Kirch- turm fällig. Die beiden Kirchgemeinden rich- teten gemeinsam eine Eingabe an die Regie- rung, daß sie die Aufgabe übernehmen möch- te. Der Rat zu Frauenfeld fand aber, daß sie durch die Uebernahme der reichenauischen Gefälle keine Verpflichtung dazu übernommen habe. Der Unterhalt des Kirchturmes sei Sache der Gemeinde. Am 26. Juli bewilligte die Re- gierung das Umgießen eines zersprungenen Glöckleins auf Kosten des paritätischen Kir- chengutes. Am 25. September 1839 wurde die Wahl der paritätischen Fondspfleger und die Prüfung der bezüglichen Protokolle der —- kan- tonalen —— Kommission fürkonfessionelle An-

 

gelegenheiten zugewiesen und nur die Ratifi- kation der Regierung vorbehalten. —— Vom Jahre 1840 berichten die regierungsrätlichen Protokolle:

 

«Wegen eines Anstandes, der sich zwischen Evangelischen und Katholiken erhoben, weil sie über den Modus der Abnahme der Rech; nungen des p a r i t ä t i s c h e n Kirchengutes sich nicht einigen konnten, fand sich die Re- gierung am 11.November veranlaßt, zu ver- ordnen, daß eine besondere Pflegekommission zu ernennen sei von 7 Mitgliedern, 5 Evange- lischen und 2 Katholiken, die aus sich den Präsidenten und den Pfleger zu bestellen hatte.

 

Aber schon am 6. Februar 1841 erhob Müll- heim Vorstellungen gegen diese Einrichtung, und am 20. Dezember darauf berichtete es, daß diese Pflegkommission sich aufgelöst habe. Die Regierung forderte die Gemeinden darum zu beförderlicher Neubestellung auf.»

 

Am 20. Februar 1844 erneuerte die Gemein- de das Gesuch um Reparatur des Kirchturmes

 

durch den Staat. Dieses wurde von der Regie- rung wiederum abgewiesen (am 20.April), da der Kanton von «der Meersburg» (dem Sitz des Kollators} keine derartige Verpflichtung übernommen habe, wie aus dem Protokoll vom Jahre 1765 zu ersehen sei. Die Müllheimer verlangten darauf eine Abschrift dieses Proto- kolls, was ihnen von der Regierung ohne A11- stand bewilligt wurde.

 

Nur mit einem Satz erwähnt die «Geschichte von Müllheim» die Renovation der Kirche im Jahre 1846. Diese Nachricht war den Gemein- deprotokollen entnommen worden und da wir noch mehr über die genannte Erneuerung er- fahren wollten, forschten wir selber in den Protokollen nach. Leider melden diese auch nicht viel mehr. So steht im Bericht über die Munizipalgemeinde vom 7. Mai i846: «11. Auf Antrag der Kirchenvorsteherschaft (gemeint ist die paritätische) —— daß die Kirche diesen Sommer noch renoviert werden möchte — wird genehmigt.» —— lm gleichen Buch lesen

 

wir aus dem Protokoll der Munizipalgernein- deversammlung vom «26. July 1846»: u2.We- gen Renovation der Kirche wird ein Kashm- verzeichnis von Maurermeister Goidinger von Hörstetten vorgezeigt und zur Abschließung eines Accords an die Pflegekommission mit Zuzug des H.Oberrichter Bridler und Josef Wihler, Maurer. gewiesen.» ‚ Die großen Umwälzungen und die Neuord- nung des öffentlichen Lebens um die Mitte des letzten Jahrhunderts machten sich ebenfalls in den Gemeinden bemerkbar, Während im ersten Prolokollbuch die Verhandlungsberich- te der Munizipal-, Orts-, der paritatischen Kirch- und Schulgemeinde wie auch der evan— gelischen Kirchgemeinde eingetragen wurden, so führte man von 1852 an getrennte Proto- kolle. Aus demjenigen der paritälischen Kirch- und Schulgemeinde —— die damals noch zur sammengefaßt waren —— entnehmen wir die folgenden Meldungen über wichtige Bauten und Reparaturen an unserem Gotteshaus.

 

Die Behörden jener Zeit beschäftigten sich :benso eifrig wie die heutigen damit, für die nstandhaltung von Gebäuden und Anlagen zu sorgen. So beschloß die Pflegekornmission

 

im 3. September 1854, am Friedhof (der damals noch bei der Kirche lag) «gegen Westen und )sten eiserne Portale machen zu lassen, sowie ie nötige Anzahl Schlüssel für Pfarrer und /Iefimer beider Konfessionen, so daß‚.: der

 

Circhhof verschlossen werden kann.» ——

 

Von der Sitzung am 22. Februar 1855 heißt as unter 4.-: «Das kath. Pfarramt macht darauf xufmerksam, daß ein neues Schloß an der Fhüre in der Sakristei nöthig sei. Zugleich ‚vird gefunden, daß im Chor die Mauer neben ier Kanzel verputzt und übertüncht werden

 

;ol1te. —-— Beschluß: Das Präsidium soll für

 

liese Reparatur sich schriftlich an das Bau—-

 

lepartement wenden.» .—-, Als ergänzendes ieispiel für die damalige Geschäftsführung zi- ieren wir noch das Protokoll der Sitzung vom

 

  1. April 1855:

 

«AlleldMitglieder anwesende»- Herr Kir- :henpfleger Werner hat den ihm gewordenen Äultrag vollzogen und die beiden Portale am ‘riedhof reparieren lassen. Dabei ereignete

 

sich aber das Mißgeschick, daß auf der Ost- seite die neue steinerne Säule beim Einschla- gen der Thürangeln beschädigt und ein be- deutendes Stück Stein abgesprengt wurde. Die paritätische Pflegekommission findet nach ge- nommenem Augenschein, die Reparatur sei so verfehlt ausgefallen, daß die Behörde gerechte Vorwürfe von der Gemeinde befürchten müß- te‚ wenn sie ein solches Machwerk gut heißen würde. Auch läßt sich nichts Befriedigendes erwarten. wenn man es versuchen würde, die Säule zu wenden. Daher wird der Kirchenpfle- ger beauftragt, den. Stein zurückzuweisen; welcher Beschluß ihm auf sein Begehren durch Protokollauszug schriftlich zuzustellen ist.»

 

Zum gleichen Fall heißt es unter «Sitzung 28.

 

Mai 1855 —~ Abwesend Hr. Ständerath Al-

 

brecht und I-Ir. Pfarrer Kistler. 1. Hr. Kirchen- pfleger Werner zeigt, daß der Schlosser Her- zog einen Flick an die Säule habe machen lassen. für dessen Dauerhaftigkeit er 10 Jahre gut stehen wolle. Zugleich legte er den Conto

 

(die Rechnung) desselben vor, der 95 Frk. 75 Rp. beträgt. ———— Beschluß: Der Conto wird ge- nehmigt. Der Pfleger soll aber von Herzog

 

einen Schein ausstellen lassen, daß er 10 Jahre

 

für die Säule gut stehe und wenn der Kitt vor

 

dieser Zeit losgehe, eine andere Säule herzu- schaffen sich verpflichte.» -—— Vom Jahre 1856 an führte Pfarrer Brenner Präsidium und Protkoll der paritätischen Kirch- und Schulgemeinde. In jener Zeit stritt die Gemeinde mit der Regierung in Frauenfeld wegen der «Kirchturmsangelegenheit», d. h. über die Frage, wer den Unterhalt des Turmes zu bezahlen habe. Sie beschäftigten damit den Friedensrichter zu Pfyn und das Bezirksge- richt in Steckborn. Im Jahre 1860 funktionier- ten Kirchturmuhr und Schlagwerk nicht mehr richtig. Nach eingehender Beratung über ei- nen Prüfungsbericht und Kostenvoranschlag von Uhrmacher Hohl in Weinfelden wurde der Auftrag zur gründlichen Revision übertragen. Später ging die Behörde auch auf die Be- dingung von Hohl ein, daß für ein richtiges Ge- hen der Uhr an den obern Turmöffnungen Fenster und am Uhrhause eine gut verschließ- bare Türe erstellt werden. —— Anschließend wurde besprochen, ob man zu den neuen vergoldeten Zeigern auch ein neues Zifferblatt anbringen und das Kirchturmdach,’ welches ziemlich große Löcher aufweise, reparieren lassen wolle.

 

 

 

Die Behörde beschloß aber: «l. es sei durch Decker Jäk das alte Zifferblatt neu an- streichen zu lassen. — 2. es sei das Kirch- thurmdach auszubessern jedoch so, daß einst- weilen nur die vorhandenen offenen Stellen ohne große Kosten so gut als möglich geflickt werden.» Der letzte Beschluß gab der Behörde “ noch verschiedenes zu schaffen, nachdem Dek- ‚ ker Jäk erklärt hatte, eine kleine Reparatur

 

sei nicht zweckdienlich. Dieser hatte bereits .

 

einen Plan und Kostenvoranschlag für eine Totalerneuerung des Kirchturmes ausgearbei- tet und der Pflegkommission vorgelegt. In ei- ner späteren Sitzung kamen zur Behandlung dieses Traktandums die Besprechungen der Kirchhofausebnung, der Reparatur der Kanzel, der Anschaffung einer Kirchenlampe, der Kirchhoftreppen und der Sauberhaltung der Gräber. — Die Verhandlungen und Vorberei- tungen für die Kirchturmreparatur zogen sich bis ins Jahr 1863 hinein. Am 26.April be- schloß die Gemeinde, die Arbeit in diesem Sommer ausführen zu lassen. Zur Bereinigung der Pläne waren die Architekten Albrecht und Brenner zugezogen worden, denn man wollte den alten Helm abbrechen und durch einen neuen ersetzen. Der Bedeutung des Werkes entsprechend wurde die Behörde um drei Mann zu einer Baukommission erweitert.

 

Diese erledigte im gleichen Jahr in 21 Sit- zungen ihre Aufgabe. Dazu befaßte sich anno i863 die Pflegekommission in sechs weiteren Zusammenkünften mit den Baufragen und die paritätische Kirchgemeinde versammelte sich innert acht Monaten viermal, um darüber zu

 

beraten und zu beschließen. Daß dabei am l4. Juni 167 Kirchbürger anwesend waren und nur 62 entschuldigt fehlten, beweist das große Interesse, das sie der Angelegenheit entgegen brachten. Die Behörde und die Gemeinde be- faßten sich schon vorher und auch nachher noch damit, so daß die Protokolle darüber na- hezu allen Platz von Seite 29 bis 104 des Fo- liobandes beanspruchen. Wir können hier nur einige besonders interessante Einzelheiten er- wähnen und zusammenfassend festhalten, wel- che Arbeiten an unserem Gotteshaus mit so viel Eifer und solcher Gründlichkeit ausge- führt wurden.

 

Wie bereits erwähnt, handelte es sich vor allem um einen Neubau des Turmhelmes. Aus den Verhandlungsberichten, die den alten, .schadhaften schon als Helm bezeichnen, läßt sich leider nicht feststellen, ob es sich dabei um einen Spitzhelm oder die ursprünglich vor- handene Käsbisse handelte. Man liest auch nichts von den Erzählungen alter Müllheimer, nach welchen der Zimmermann, welcher das Gebälk für den Spitzhelm zu liefern und auf- zurichten hatte, dieses um mehrere Fuß kür- zer als geplant und bestellt, ausführte. Ver- mutlich geschah das früher. Genaueres darü- ber läßt sich kaum mehr erfahren, da die alte Generation, die von solchen Geschichten und Streichen wußte, auf dem Gottesacker ruht.

 

Bei dieser Renovation wurden die Glocken- stube, die Uhr mit Werk, Zeigern und Ziffer- blättern ausgebessert und revidiert, die Wind- berge und der Helm neu errichtet. neue Ku- geln bestellt, Kranz und Hahn durch neue er- setzt, das Aeußere des ganzen Turmes ver- putzt und in seinem Innern geflickt und aus- gebessert, was nötig war. Anschließend fand

 

man, daß man auch Schiff und Chor frisch weißeln sollte. Das Vorzeichen an der südli- chen Türe wurde abgerissen und das westli- che restauriert. Einige Zitate aus den Proto- kollen ‚mögen auf die Probleme, welche die

 

Behörden und die Gemeinde damals beschäf- tigten —— und die zum Teil auch in der Ge- genwart und Zukunft aktuell bleiben —— hin- weisen.

 

Die Sparsamkeit kommt im Abschnitt 2 des Antrages an die Gemeinde. welcher von der Pflegekommission am 23.April 1863 aufge- stellt wurde, zum Ausdruck. Er lautet: «Es sei das Gutachten des Architekt Albrecht, das die Windberge und Giebel von Mauerwerk zu erstellen und die Giebelgesimse durch Sand- steinplatten zu decken verschlägt — gegen- über dem Plan des Architekten Brenner, diese Bauten aus Holz auszuführen —- zwar der Vorzug zu geben, jedoch darauf zu dringen, daß bei der Auslieferung der detaillierten Pläne dieser Theil der Baute —— unbeschadet der Solidität — so vereinfacht werde. daß de- ren Ausführung ein Bedeutendes u n t e r dem jetzigen Voranschlag zu stehen komme. -—- 3. Es sei an den Regierungsrath das Gesuch um einen Beitrag an die Baute zu stellen.» -——

 

Am 26.Mai beschloß die Behörde unter 2. «Auf dem Kreuz soll wie bisher «der Hahn»

 

als Symbol der reformierten Kirche ange- bracht werden.» Und unter 7.: «Das Eisen- blech zur Erstellung des Kreuzes soll 2 (Li- nien. = 6 mm) dick sein.» So befaßte sich die Behörde nicht nur mit dem Gesamtprojekt und der Finanzierung. sondern auch mit den klein- sten Details. So wurde auch bestimmt «Die große Kugel soll mit einem Durchmesser von 23 “ (Zoll; = 69 cm) erstellt werden.»

 

Bei den Vertragsbedingungen wurde folgen- des festgehalten: «Die Baucommission hat das Recht den Bau zu beaufsichtigen und sämtli- ches Material nöthigenfalls durch Experten untersuchen zu lassen.» Die «Vollenderter- mine» für die Arbeiten der einzelnen Hand- werker wurden auf den Tag genau festgesetzt und im Falle des Ueberschreitens derselben folgende Strafen angedroht: «Für die Zimmer- mannsarbeit 1 Tag Verspätung fr. 10; für die Kupferschmiedarbeit. 1 Tag Verspätung fr. 5; für die Decken, Spengler-. Maurer- und Stein- hauerarbeit 1 Tag Verspätung fr. 5; für die Malerarbeit i Tag Verspätung fr. 5.»

 

Dagegen versprach man auch eine «Grati-

 

fication: für den Uebernehmer der Zimmer- mannsarbeit. für jede Woche. um welche er die Arbeit vor dem 31. Juli (seinem Vollender- termin) vollendet fr. 20.» Verlangt wurde auch eine «Garantie für alle Arbeit. 6 Jahre.» Entsprachen die deutsche Handschrift. die Formulierung und Rechtschreibung dieser Texte wie auch die Längenmaße noch der Zeit vor 100 Jahren. so waren Inhalt und Sinn doch schon neuzeitlich. Ganz modern erscheint uns der Beschluß: «Es sei der Präs. der Pflegecom- mission angewiesen über die Baute in der Thurg. Zeitung Concurrenz zu eröffnen und die bezügliche Anzeige 2mal im genannten Blatte einrücken zu lassen.» —— Zu jener Zeit besaß noch jede Konfession einen eigenen Taufstein. Dem Wunsche von evangelischer Seite. einen gemeinschaftlichen anzuschaffen. wie er in einem schriftlichen Gesuch an die katholische Kirchenvorsteherschait gerichtet wurde, widersetzte sich diese in ihrem Ant- wortschreiben‚ was wohl eine Revanche für ablehnende Entscheide der Mehrheit gegen- über verschiedenen Anliegen der Minderheit

 

bedeutete. Es herrschte damals zwischen den beiden Konfessionen noch nicht das Wohl- wollen und die gegenseitige Achtung, die wir heute in der Regel einander entgegenbringen. Auch aus den Zeilen der mit nüchterner Sach- lichkeit geschriebenen Protokolle —— einige davon wurden stellvertretungsweise vom da- maligen katholischen Pfarrer A. Anderwert verfaßt -—- spürt man das Mißtrauen und die Spannung. Es tröstet. daß dabei trotzdem zu- sammengearbeitet wurde. um den gemeinsa- men Besitz von Kirche und Friedhof stets in gutem Zustand zu erhalten. —- So geschah es auch bei der Turm- und Kirchenrenovation. Die Baukommission dachte gelegentlich auch an sich und nicht nur an ihre Aufgabe und entschied am 7. Juni i863 unter ~25. Auf An- regung der Frage. ob die Baukommission für ihre Bemühungen eine Entschädigung bean- spruchen solle oder nicht, wurde beschlossen. der Kirchgemeinde anzuzeigen. daß die Mit- gliedet der Baukommission für jede Sitzung t fr. Entschädigung, für die Beaufsichtigung der Baute aber nichts beanspruchen.» i g V

 

Von Richard Löhle, Müllheim

 

Zu einem interessanten Vergleich mit den heutigen Grundsätzen und Bräuchen in der Vergebung von öffentlichen Arbeiten veran- lassen die folgenden Beschlüsse der schon erwähnten Gemeindeversammlung vom 14. Juni 1863:

 

x3. Die Maurer-‚ Zimmermanns—‚ Steinhauer- und Eisenarbeiten seien an Herrn Pankraz Raggenbaß von Amriswil lt. dessen Eingabe um die Summe von fr. 4895 zu übergeben.

 

  1. Die Decker- und Spenglerarbeiten seien an Decker Conrad Jäk lt. dessen Eingabe um die Summe von fr. 900 (inclusive Befestigung des Kreuzes, Hai-ins. der Kugel etc.) und I [Gatter Holz zu übergeben.»

 

Es wundert uns heute. daß man hi einer Zeit, in welcher die Eisenbahn durch das Thur-

 

tal kaum acht Jahre alt war und man auf den Straßen für Reisen und Transporte auf Pferde- und Ochsenfuhrwerke angewiesen war, einen Baumeister aus dem 25 km entfernten Amris- wil mit dem größten Auftrag betraute, wäh- rend man heute nach Möglichkeit den ortsan- sässigen’ oder den am nächsten wohnenden Handwerker berücksichtigt, weil dieser nicht nur als Steuerzahler, sondern auch wegen späteren Aufträgen bestrebt ist, empfehlens- werte Arbeit zu leisten. Mit welchen Risiken die vor hundert Jahren geübte Praxis belastet war, zeigten die Streitigkeiten, welche die Be- hörde später mit Baumeister Raggenbaß er- lebte, Für solche Fälle hatte sie sich allerdings vorgesehen, wie der Beschluß Nr. i0 beweist: «Die parität. Kircheinwohnergemeinde bevoll- mächtigt die Baucommission unbedingt zur Durchführung aller allfälligen Streitigkeiten ohne vorherige Vorlagen an die Gemeinde.» Man wollte damals den Kirchturm nicht nur durch seine Höhe, sondern auch durch seine Farbe auffällig gestalten und bestimmte daher: «Z. Die Farbe des Kirchthurmhelrns soll roth

 

sein; wobei die Auswahl der Farbe unter Be- achtung möglichster Solidität der Baucommis- sion übergeben sei.» —— Die Verantwortung wollte man zu jener Zeit schon auf alle Kreise verteilen und wählte daher in die Baukom- mission auch einen Vertreter der dazumal noch eine Minderheit bildenden Ansassen (zu- gezogene Nichtbürger), weshalb der letzte Be- schluß lautete: «i1. Die parität Pflegcommis- slon resp. Baucommission ist durch Z Mitglie- der Hr. Gemeindeammann Wepf und J. Bürgi in Grüneck (dieser als Ansasse, lt. Protokoll der Baukommission vom 13.Juni) zu erwei- tem.» Obwohl es im nahen Weinfelden fach- kundige Leute gab, übertrug man die Arbeit an der Kirchturmuhr dem in St. Gallen seß- haften Uhrmacher Hugelshofer, dessen Offerte auf 1350 Franken lautete.

 

Aus vielen anderen Einzelheiten. die inter- essant wären, aber aus Zeit- und Platzgründen nicht erwähnt werden können, wollen wir jene herausgreifen, die zeigt, mit welchen zusätzli- chen und vermutlich auch unangenehmen Auf- gaben die Behördemitqlieder belastet wurden.

 

So beschloß die Baukommission am 2. Septem- ber 1863 unter anderem: ab) es sei Hr. Dr. Pfister beauftragt den Deker Jäk beim Sieden der Schindeln genau zu beaufsichtigen und dafür zu sorgen, daß genügend Vitriol und Alaun beim Sieden verwendet werden.»

 

Der ganzen Erneuerungsarbeit maß man eine geschichtliche Bedeutung bei und die Baukommission faßte daher am 9. Oktober 1863 folgenden Beschluß: x6. es sei nach allge- meiner Sitte ein Dokument über die Kirchen- baute in die große Kugel zu legen und mit der Abfassung dieses Dokuments Pfr. Brenner be- auftragt.» ——— Irn Protokoll von der Sitzung am 30. Oktober wurde darüber festgehalten: «3. Es wird von Pfr. Brenner das ihm zur Ausfertb» gung aufgetragene Dokument zur Aufbewah- rung in der großen Kugel vorgelegt und von der Baucommission als genügend gefunden. Zugleich wird dem genannten Kredit und Auf- trag ertheilt behufs Abschrift des Dokuments auf Pergamentpapier.» — Während man den Handwerkern und Arbeitern auf dem Bauplatz Tag für Tag genau auf die Finger schaute,

 

unterließ man es offenbar, das Aufrichtemahl durch die Behörde zu organisieren und zu kon- trollieren, was dann nachträglich zum nach- stehenden Eintrag ins Protokoll führte:

 

«4. Eine eingegangene Rechnung von Jakob Wenk zur Sonne im Betrage von fr. 49.40 über consumierte Speisen und Getränke beim Auf- richtermahl. Nach gegebener Erklärung von Herrn Gemd. Wepf wurde beschlossen: es sei die Rechnung von Hr. Wenk zurückzuwei- sen in dem Sinne. daß genau angegeben wer- de, w a s consumiert worden sei und w e’ r an dem Mahle Antheil genommen habe und spä- ter die spezifizierte Rechnung der Baucom- mission wieder vorzulegen.» ——— Bei den Ver- handlungen vom 4. Dezember 1863 wurde zum gleichen‘ Thema entschieden:‚«3. Die seiner

 

Zeit an Metzger Wenk zurückgewiesene Rech- nung wird mit Specification wieder vorgelegt und beschlossen, es sei dieselbe, in Betracht, daß die Rechnung zwar nicht gehörig ge- rechtfertigt und der Credit, den die Baucom- mission gegeben, in ungebührendem Maße mißbraucht worden sei, aber eine nochmalige Zurückweisung oder Reduktion nur fatale Folgen haben könnte, gleichwohl zu bezah- len.» (I)

 

Die Initiative und Arbeitsfreude wie auch das gründliche Ueberdenken der Geschehnisse und Verhältnisse, das Pfarrer Brenner aus- zeichnete, kam auch nach dem Abschluß der Bauarbeiten und der Genehmigung der Rech- nungen durch die Gemeinde noch zur Gel- tunq. Bis zu jener Zeit wurden auch die Kosten

 

für die Kultusbedürfnisse der beiden Konfes- sionen vom paritätischen Kirchenfonds gette- gen. Pfarrer Brenner regte nun an, diesen Fonds unter die beiden Bekenntnisse zu teilen, * damit jedes selbständig für seine gottesdienst- lichen Belange aufkomme und die paritätische Gemeinde nur noch für den Unterhalt von Kirche und Friedhof zu sorgen habe. Der Vorschlag fand sowohl bei der Behörde wie auch bei den am 24.Januar 1864 versammel- ten Kirchbürgern einmütige Zustimmung. Be- reits in diesem Jahr war von der Gemeinde wieder eine Bauaufgabe zu erledigen. Der Bo- den des Chors mußte mit neuen Steinplatten belegt werden. Dieser Auftrag wurde wie- derum Baumeister Raggenbaß für den Betrag von 270 Franken übergeben. (Fortselznug lolgt)

 

Nachdem es bei der Kfrchturmbaute mit dem Einhalten der Termine nicht ganz nach Vertrag und Wunsch ging, befriedigte dies- mal der Auftragnehmer noch weniger, So stellte die Behörde an ihrer Sitzung mit Be- sichtigung der Baustelle am 15.August 1864 fest:

 

«Es sei die von Hr. Raggenbaß ausgeführte Steinhauerarbeit im Chor der Kirche als nicht gehörig ausgeführt, nicht abzunehmen, weil 1. im Ganzen die Arbeit nicht nach Baube- schrieb nicht schön und nicht sorgfältig ausge- führt ist.» Es folgen dann die Beschreibungen der Details, die zur Kritik Anlaß gaben und die Folgerung «Es sei ferner in Erwägung die- ser Pehler Hr. Raggenbaß aufzufordern, von der 2ten Platte an vom Schiff der Kirche aus gerechnet. den Boden im Chor von Neuem legen zu lassen so zwar. daß die gerügten Uebelstände nicht mehr vorkommen und die

 

Arbeit nach Baubeschrieb schön und kunst- gerecht ausgeführt wird.» —

 

In der Sitzung vom 6. September wurde eine Zuschrift des Regierungsrates vorgelegt, in welcher dieser die Ratifikation der Teilung des paritätischen Kirchenfonds aussprach. In der gleichen Angelegenheit hatte vorher der katholische Pfarrer Anderwerth mit Regie- rungsrat Labhardt als dem Vertreter des Staates ——— der als Nachfolger des Kollators für den Unterhalt von Chor und Sakristei auf- zukommen hatte — verhandelt und eine Ab- lösung der Baulast «seitens der Regierung mit der kathol. Gemeinde» erreicht wurde. Die vom Staat an die katholische Kirchgemeinde zu zahlende Ablösungssumme sei aber der paritätischen Kirchgemeinde zu überlassen, ausgenommen der Betrag für einen neuen Ein- gang zur Sakristei. — Nun berichtete Pfarrer Brenner, daß die erwähnte Ablösungssumme Fr. 3292.50 betrage. wovon aber Fr. 361.—— für die vorgesehene Türe in die Sakristei der katholischen Konfession zugewiesen bleibe. — Abbruchsteine galten vor hundert Jahren noch als wertvolles Baumaterial, das von Leuten mit unterentwickeltem Gewissen gerne ohne Bezahlung abgeholt wurde. wie ein ent- snrechender Abschnitt im Protokoll zeigt. «Auf

 

die Bemerkung eines Mitglieds, daß die vom alten Chorboden herrührenden Steine sobald als möglich verkauft werden sollen, indem dieselben sonst nach und nach auf anderem Wege fortkommen könnten, wird beschlossen: l. Es seien die Steine zunächst im Schulhaus- keller aufzubewahren und Hr. Kirchenpfleger Werner beauftragt, dieselben bei der nächsten Gant zu verkaufen.»

 

Zu den schon genannten schlechten Erfah- rungen mit dem Amriswiler Baumeister kamen bald weitere. So meldet der Sitzungsbericht vom 20. März 1867: «Da der Verputz am Kirch- thurm auf der Westseite theilweise lose ge- worden, die Garantiefrist der Baumeister Rag- genbaß aber noch nicht abgelaufen, so wird beschlossen, es sei das Präsidium beauftragt, den Raggenbaß zur gehörigen Erstellung des Verputzes erst gütlich, dann gerichtlich auf- fordern zu lassen.» _ ä

 

Im gleichen Jahre beschäftigten sich die konfessionellen Kirchenvorsteherschaften, die paritätische Pllegkommission und die Gemein- de mit der Verlegung des Friedhofes auf den Storenberg. worüber eine besondere Abhand- lung zu schreiben wäre.

 

Dazwischen bereitete die noch längere Zeit unausaetührte Ausbesserungsarbeit am Kirch-

 

tunn und damit der Name Raggenbaß der Pflegkornmission einige Sorgen, womit sie die eindrückliche Lehre erhielt, daß die billigste Offerte leicht zur teuersten werden kann. Die Affäre nahm ein spannendes, für die Beteilig- ten zwar unangenehmes Ende, wie im Proto- koll vom 20.September i867 zu lesen steht: «In folge der Mittheilung, daß Baumeisterllag- genbaß landesllüchtig geworden, wird be- schlossen, eine Eingabe der Forderung an die Notariatskanzlei Frauenfeld zu machen.» –— Nahezu ein Jahr verging, bis die Angelegen» heit wieder vor der Behörde erschien. Der Aktuar schrieb darüber: i . «Das von Hr. Architekt Brenner in Frauen» feld eingelangte Gutachten über die Kirche und den Kirthurm wird vorgelegt und be- schlossen: 1. Es sei Pfr. Brenner beauftragt, die Bürgen des Raggenbaß, Baumeister, sowie Deker Jäk als Uebemehmer der Spengler’ und Dekerarbeiten an der seiner Zelt ausgelührten Kirchenbaute, aufzufordern. die laut dem Ex-‚ pertenbericht nöthigen Reparaturarbeiten bis Ende Juni 1869 auszuführen. 2. Es sei die Rech- nung des Hr. Architekt Brenner für seine Ex- pertise im Betrage von fr. 12 an Herrn Kir- chenpfleger Werner zur Bezahlung zu fiber- weisen.»

 

Trotz aller Planung und Aufsicht fehlte es bei der 1863 durchgeführten“ Baute stellen- weise an solider Ausführung. So zeigten sich bereits 187 am Chor verschiedene Schäden, über-deren Behebung c as Protokoll vom 6. Mai 1871 berich et: « \Iac 1 Einsichtnahme des Cho- res in (er Kirc 1e, wird beschlossen: a) Es seien au ‚ c em Dach des Chors durch Spengler Arnold so ide blecheme Gräte anzubringen. b) Inwendig sei der Chor auszuweißeln und die schadhaften Stellen auszubessern. Die Ar- beit sei durch Maurer Goldinger am „aglohn auszuführen. c) Es sei Hr. Gemeindera ‚h Gub—

 

ler beauftragt, die Arbeiten zu ü)erwachen und ihm später eine Entschädigung riefür aus- zusetzen.»

 

In den nächsten Jahren durf e sich die pa- ritätische Pflegkpmmission end ich darauf be- schränken, am Kirchengebäude nur kleinere Sciäden, welche durch Wetter und andere äuiere Ein lüsse entstanden, ausbessern -zu assen. So ror die Regenwasserableitung im {irchturm im Februar 1872 ein, so da5 sie durch eine an der Außenseite angebrach e er- setzt werden mußte. Am 1S . Oktober 1880 wurde von der Behörde entsc mieden, die von

 

der Gemeinde besc ilossene Reparatur der Kirchhofmauer, welc 1e die Anlage auf dem ehemaligen Friedhof umgab, im Jahre 1881 auszuführen. Diese Arbeit bildete in verschie- (enen Sitzungen Verhanr lungsstoff und wur- < e zudem durch den Toc r es Pflegers C. Wenk hinausgezögert. Auf An .rag der Pflegkommis- sion besc iloß die Gemeinde am 25. September 1881 für c en hinter der Kirche zur Säge durch- ließenden Mühlebach eine Leitung aus Pe- „roleumtässem erstellen zu lassen, um ihn zu- decken zu können.

 

(Fortsetzung lolgt]

 

Zwölf Jahre nach, der Ausbesserung des Chores bot dieser wiederum Anlaß zu Ver- handlungen in der Behörde. Das Protokoll vom 22.Januar 1883 meldet: «Die Pflegcom- mission besichtigt die Kirche und überzeugt sich, daß das Chor der Reparatur bzw. der neuen Uebertünchung u. Ausbesserung durch- aus bedarf und es wird Herr Bossard, Pfleger des parität. Fonds beauftragt, auf Grundlage der von Herr Gypser Hehl gemachten Offerte von fr. 120 den Vertrag mit letzterem abzu- schließen und die Reparaturarbeiten zu beaut- sichtigen.» —

 

Am Fuße des Kirchhügels, westlich der jet- zigen Anlage, stand zu jener Zeit das sog. Mohnsche Haus. Wir können uns heute gut vorstellen, dal3 dieses störend im Gelände stand, und wir begreifen, daß man dankbar

 

jede Geste, welche die zukünftige Beseitigung dieses Gebäudes förderte, entgegennahm. Am 9. März 1883 wurde protokolliert: «Pfr. Bren- ner theilt mit, daß der paritätischen Kirchge- meinde von Herrn Strupler selig ein Legat von 3000 Franken vermacht worden ist behufs An- kauf und Abbruch des Hauses von Herrn Mohn und Verschönerung des Platzes vor der Kirche und dem Schulhaus.» Mit der weiteren Beratung wolle man warten, bis eine Abschrift des Testamentes vorliege. Die rückständige und nur auf das materielle gerichtete Einstel- lung des Staates kennzeichnet die Eintragung vom 20. Juni jenes Jahres: «Nach einem Be- richte des Notariats verlangt das Departement der Finanzen von dem Legat des Adam Strup— ler selig eine Erbschaftssteuer von fr. 1800 mit der Motivierung, daß das Legat nicht zu Schul- und Kirchenzweken sondern zu Luxuszweken bestimmt sei. Die parität. Ptlegcommission be- schließt einstimmig gegen die Verfügung des Finanzdepartements beim Regierungsrath Re- kurs einzulegen und es wird eine von Pfr. Brenner in Voraussicht dieses Beschlusses bereits entworfene Rekursschriit gutgeheißen unter dem Vorbehalt. daß im Rekurs auch die

 

sanitarischen Verhältnisse berührt werden, in- dem der unmittelbar vor dem Schulhaus be- findliche Jauchekasten und der Abtritt des Mohnschen Hauses sanitarisch ungünstig auf das Schulhaus einwirken.» — Dieser unhygie- nische Geruch wirkte hingegen offenbar gün- stig auf die hohen Herren zu Frauenfeld ein, denn am 11. September schrieb der Aktuar in den Verhandlungsbericht: «Pfr. Brenner legt den Entscheid des Regierungsrathes vor, be- treffend die Handänderungsgebühr vom Strup- lerschen Legat. Mit Befriedigung wird von dem Entscheid, welcher den Rekurs der hie- sigen Kirchenpflegecommission schützt und dem Finanzdepartement die Rückerstattung der Gebühr auferlegt. Notiz genommen.» —

 

Am 25. September 1884 beschloß die Behör- de, einem durchreisenden Glaser den Auftrag zu geben, die defekten Scheiben an den Kir- chenfenstern durch neue zu ersetzen gegen einen Taglohn von 5 Franken für sich und 2 Franken für seinen Knaben. Als Ersatz seien nach Möglichkeit die im Besitz von Dr. Geb- hardt befindlichen bunten Scheiben zu ver- wenden. —- An dieser und der folgenden Sit- zung vom 3. Dezember 1884 wurde die Frage

 

erörtert, was mit den beiden gemalten Fen- stem im Chor, die der Zerstörung entgegen- gingen, zu geschehen habe. Der bereits er- wähnte Glaser wagte es nicht, sie herauszu- nehmen, um sie auftragsgemäß durch Butzen- Scheiben zu ersetzen. Ein Sachverständiger habe die eine, weil ihre Farben verwischt sei- en. als wertlos bezeichnet und die andere noch auf 50 Franken geschätzt, Die Pflegkommission beschloß darauf: «Die gemalten Scheiben sind an ihrem Platz zu lassen.»

 

An der ersten dieser Sitzungen wurde eine «Localbesichtigungn vorgenommen, um die Behauptung zu prüfen, «ob die Festigkeit der Ernporkirche fraglich sei.» Man fand dabei. «dab die Gefahr eines Zusammensturzes nicht vorliegen». Bis zur folgenden Zusammenkunft ergab sich auch keine Gelegenheit, die be- schlossene fachmännische Expertise durch- führen zulassen. ‘ . – ‚ — An der Sitzung vom I8. Februar i885 kam wieder das Mohnsche Haus zur Behandlung. wie der Auszug aus dem Protokollbuch, das in der Zeitspanne zwischen dem LJanuar i885 und dem 20. März 1947 gefüllt wurde, zeigt: «S. Gubler-Mohn stellt das Gesuch, es

 

möchte —ihm‚ unter der Voraussetzung, daß sein ererbtes Haus ihm von der Gemeinde abgekauft und die Kirchhofmauer abgebrochen wird, die durch den Abbruch verfügbaren Stei- ne überlassen werden. -—— Beschluß: Es ist das Gesuch abzuweisen‚ da die parität. Pflegcom- mission keine Verfügung treffen kann, bevor die Kirchgemeinde über Abänderung des Kirchhofes und Abbruch der Kirchhofmauer Beschluß gefaßt hat.»

 

Berichtigung: In der letzten Nummer ———— im letz- ten Abschnitt —— wurde aus Versehen ein falscher Name verwendet. Es sollte heißen: «. . ‚und wurde durch den Tod des Pflegers C. Werner (nicht Wenk) hinausgezögert.»

 

Von Richard Löhle, Müllheim

 

Es waren kaum 22 Jahre seit der großen Kirchturmemeuerung verstrichen, da zeigten sich am Schindeldach des Helmes die Folgen der Verwitterung. Deshalb schrieb Pfarrer Brenner am 7. Mai 1885 ins Protokoll: «Die Pflegcornmission besichtigte dieim Laufe des Winters an der Bedachung des Kirchthurmhel- nes vorgekommenen Beschädigungen und be- schließt: a) Es ist ein Sachkundiger um ein Gutachten anzugehen über die beste Art der Reparatur und die allfälligen Kosten. b) Es ist als Sachkundiger zu beauftragen Jäk Joh.‚ Slitzableiter-Experte, eventuell Deker Werner iügr. c) Es ist der Präsident mit der Ausfüh- rung vorstehenden Beschlusses beauftragt.» Am 10. Juni darauf kam die Behörde wieder-

 

zusammen. Das Gutachten von J äk befriedigte sie noch nicht und sie wünschte eine Ergän- zung desselben und zwar in der Form von Ant- worten auf genau festgelegte Fragen. In der gleichen Sitzung beschloß man ferner, die seit einiger Zeit unregelmäßig gehende Kirchturm- uhr durch Uhrenmacher Hugentobler in Wein- felden untersuchen zu lassen. Bei ihren Bern- tungen vom 3. Juli stellte die Pflegekommis- sion fest, daß im ergänzenden Bericht des Ex- perten Joh. Jäk noch «nicht alles wünschens- werthe klar liegt» und sie beschloß: «Es ist Maler Wihler zu beauftragen, von dem Zu- stand des Daches, namentlich der Qualität und Dauerhaftigkeit der Schindeln an den noch ganzen Stellen genau Einsicht zu neh- men und darüber zu berichten.» Aufschlußreich erscheint auch der folgende Abschnitt aus dem gleichen Protokoll: «3. Es wird das Gutachten des Uhrenmachers Hugen- tobler von Weinfelden über die Kirchthurm- uhr verlesen, welches dahin geht, daß die Uhr in ihren wesentlichen Bestandteilen gut sei. nur im Einzelnen einer Reparatur bedürfe,

 

welche auf 170 fr. zu stehen käme, um welche Summe, mit_Ausschluß von unvorhergesehe- nen kleineren Mängeln, welche extra ent- schädigt werden müßten, Herr Hugentobler die Reparatur auszuführen sich offerire. Nach gewalteter Discussion, bei der hervorgehoben wird, daß seit der Untersuchung durch Herrn Hugentobler die Uhr wieder richtig gehe, also offenbar die Behandlung durch den Meßmer früher viel zum unrichtigen Gang beigetragen habe, wird beschlossen: 1. Es ist auf die Of- ferte des Herr Hugentobler einzugehen unter der Bedingung, daß auch die unter dem Titel «Unvorhergesehenes» aufgenommenen Arbei- ten ohne weitere Entschädigung ausgeführt werden müssen. 2. Es ist die Reparatur erst auszuführen, wenn auch die Bedachung des Kirchthurms in Stand gestellt wird. damit für beides die gleichen Gerüste benützt werden können. — 4. In der Eingabe des Herr Hugen- tobler wird auf den mangelhaften Zustand der Treppen und der Böden im Kirchthurm hinge- wiesen, was die parität Pflegcommission zu dem Beschlusse veranlaßt: «Es ist Herr Kir-

 

chenpfleger Bridler beauftragt, für die nöthige Reparatur der Treppen und Böden besorgt zu sein.» Am 10. August lag auch das Gutachten von

 

Maler Wihler vor der Pilegkommission, wel- che auf Grund aller Expertisen zum Schluß

 

kam, daß eine Reparatur, die auf ca. 600

 

Franken zu stehen käme, sich nicht lehne. Nur von einer Metallbedachung sei die wünschens- werte Dauerhaftigkeit zu erwarten. Nach wei- teren Beratungen, die am 21.September fort- gesetzt wurden, nachdem Kostenberechnungen von Spengler Labhardt in Steckbom (i362 FL). von Goldschmied in Zürich (974 Fr.) und von Gyr in St. Gallen (i155 Fr.) eingegangen wa- ren, beschloß die Gemeinde am l6. Oktober 1885 dem Antrag der Behörde entsprechend. im Sommer i886 den Kirchturm mit einer neuen Bedachung aus feuerverzinkten Blech- Ziegeln versehen zu lassen. —— In der Sitzung vom 83.Dezember i885 einigte sich die Kom- mission darauf, über die Baute Konkurrenz zu eröffnen mit Eingabe von Materialmustern. Preisofferten und Ausiührungsbeschrieben.

 

Pfarrer Brenner meldete anschließend, daß für die gemalten Chorfenster drei Offerten ein- gegangen seien. wovon eine bis zu 400 Fran- ken, worauf man entschied, es sei mit den Bewerbern weiter zu verhandeln und der Ge- meinde der Verkauf der Scheiben zu beantra-

 

gen.

 

In der Sitzung vom 17.März referierte das Behördemitglied Halter-Häberlin über die ein- gegangenen Offerten. Er betrachtete Zink- schindeln als empfehlenswerteste Bedachung und legte zugleich einen Vertragsentwuri‘ vor. «In der Discussion machte sich die Ansicht geltend, daß es wohl zweckmäßig sein möch- te. wenn neben der Pflegcommission auch ei- nige hiesige Fachleute ihre Meinung über die Sache abgeben würden und es wird in Folge davon besch ossen: a) es ist die Berathung ab- zubrechen, b es sind zu einer spätem abschlie- ßenden Ver iandlunu über den Gegenstand

 

noch die Herren Jk. Ernst, Mechaniker. und J. Jäk, Experte beizuziehen. c) es ist das Ak- tenmaterial bei den beiden letztgenannten Herren sowie den Mitgliedern der Pflegcom- mission in Circulation zu setzen», berichtet das Protokoll abschließend. Am 1. April tagte die Kommission zusammen mit den beiden Fachleuten. welche die ganze Behörde von den Vorteilen der Zinkschindeln überzeugten. Einstimmig gelangte man dazu, der Gemeinde eine Aenderung ihres letzten diesbezüglichen Beschlusses zu beantragen.

 

Nach einem Bericht von Herrn Pfarrer Bren- ner blieb von den Bewerbern um die gemalten Chorfenster nur Kaplan Steinegger aus Frau- enfeld, welcher 425 Franken dafür bot. Die Gemeindeversammlung vom 4. April, welche sich mit dem vorherigen Antrag einverstanden

 

erklärte. stimmte nun auch dem Verkauf der Chorfenster zu und legte fest. daß der Erlös

 

für die Kirchturmbaute zu verwenden sei.

 

Am 30. April fand unter den vier vorliegen- den Offerten diejenige von Gyr in St. Gallen den Vorzug, weil sie bei etwas höherem Preis als zwei andere die gewünschte Garantie bot.

 

Am 16. Juni beschloß man, die Verschalung durch Zimmermann Joseph Meierhans ausfüh- ren zu lassen. Gleichzeitig legte der Präsident einen Brief von einem Herrn Dinzer in St. Gal- len vor. der schrieb‚»daß er die Rechte auf die von Kaplan Steinegger gekauften Scheiben er- worben habe. Er würde sie selber auf eigene Gefahr herausnehmen. wenn man sie ihm für 385 Franken überlasse. Die Pflegkommission ging auf diese Offerte ein unter der Bedin- gung von «baarer Bezahlung vor der Weg- nahme der Scheiben.»

 

Am 5. und 23. Juli wie auch am 10. August bot die Kirchturmbaute weiteren Verhandlungs- stotf für die Behörde. An diesem Tau konnte

 

letztere feststellen, daß die Arbeiten nahezu vollendet seien. Vor der Entfernung des Ge- rüstes mußte die Arbeit noch geprüft sowie die Verschalung und die Bedachung ausge- messen werden. Damit wurden die Herren Emst-Bridler und Sekundarlehrer Kaiser’ be- auftragt. Am i3. August wurden die Berichte über die vollendeten Arbeiten entgegenge- nommen, die alle gut und solid ausgeführt worden waren. Es erscheint für viele Leser Wissenswert, wie groß die von den Herren Ernst und Kaiser ausgemessenen Flächen, die wir von der Tiefe und Ferne her nur schwer schätzen können, sind. Die von Herrn Gyr er- stellte Bedachung maß 195,92 Quadratmeter und die von Herrn Meierhans angefertigte Verschalung 18l Quadratmeter.

 

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Man maß später die Arbeit von Gyr noch- mals und kam dabei auf 192,03 Quadratmeter, Um die ebenfalls zu groß gemessenen Wulste zu berücksichtigen, bestimmte die Kommis- sion, daß dem Unternehmer die Kosten für 190 Quadratmeter zu Fr. 14.50 zu bezahlen seien. Da die regelmäßigen Auslagen damals noch aus den Fondszinsen gedeckt werden konnten, wurden nur für außerordentliche Aufwendungen, wie solche Bauten sie dar- stellten, Steuern eingezogen. Daraus erklärt sich der folgende Protokolleintrag: «3. Auf die Mittheilung des Herrn Kirchenpfleger Bridler, daß er glaube, durch eine Steuer von 80 Rp. per mille die Bauauslagen deken zu können, wird beschlossen: a) Es ist Herr Kirchennfle-

 

ger Bridler ermächtigt, eine Steuer von 80 Rp. per mille von den Kircheinwohnern zu bezie- hen.» Wir erhalten dadurch auch einen Ein- blick in die bedeutenden Kompetenzen der damaligen Behörden, die, nachdem die Ge- meinde die Bauausführung beschlossen hatte, selbständig über die Art der Finanzierung entscheiden durfte. Die Pflegkommission muß- te sich in der Folge mit Gyr auseinanderset- zen, weii dieser mit dem zweiten Ausmeßer- gebnis nicht einverstanden war. Eine Rech- nung von Blitzableiterexperte Jäk für seine Bemühungen im Betrage von 65 Franken wur- de als übersetzt zurückgewiesen und ihm da- für «eine Gratification von fr. 35» zugebilligt. Die Personen, welche in jenen Jahren der Behörde angehörten, verdienen kurz erwähnt zu werden. da sie zum Teil auch an anderen Stellen Bedeutendes geleistet haben und durch verwandtschaftliche Bande mit heute lebenden Gemeindegliedern verbunden sind. Vor den Wahlen vom 3. April 1887 waren es außer den beiden Geistlichen Pir. Brenner und Pfr. An- derwert die Herren Halter-Häberlin. Direktor

 

der Weberei Grüneck, Dr. Gebhardt (Arzt), Kirchenpfleger Bridler, Bäcker (im jetzigen Haus Hug bei der Kirche], Gerichtspräsident Schmid (im Haus der jetzigen Kantonalbank- agentur) und Bossart, Wirt zum «Ochsen». In den erwähnten Erneuerungswahlen wurde Prä- sident Schmid als zweiter Vertreter der Ka- tholiken durch Sekundarlehrer Alois Kaiser- Eigenmann ersetzt und am 15.April i888 er- kor die Gemeinde für den weggezogenen Och- senwirt Bossart Schulpfleger Keßler als Pfle- gemitglied.

 

Am I8. November i888 machte Herr Halter- Häberlin darauf aufmerksam, daß man die Empore durch eiserne Pfeiler stützen sollte, was die Kommission zu einem entsprechenden Beschluß veranlaßte. —— Am 8. April 1889 be- stimmte die Behörde: «Es sind die confessio- nellen Kirchenvorsteherschaften einzuladen, die Grabsteine auf dem alten Kirchhof sämmt- lich zu entfernen und in einer Gruppe an ge- eigneten Orte aufzustellen, damit nachher die parität. Pflegcommission eine einheitliche, den ganzen Kirchhofplatz umfassende Anlage aus-

 

führen kann.» Am 8. Juni 1890 beauftragt die Behörde den Kirchenpfleger, das Kirchendach durch Decker Werner reparieren zu lassen «und dafür besorgt zu sein, daß die zu ver- wendenden Schindeln mit Carbolineum im- prägniert werden.» Nach einer weiteren Wei- sung war das rote Dach am südlichen Vorzei- chen (welches nicht mehr existiert), da es nicht mehr zum neu gedeckten Kirchturm passe, mit Perlfarbe anzustreichen.

 

In jener Zeit muß Herr Pfarrer Anderwert, welcher seit i857 als katholischer Seelsorger hier gewirkt und der Behörde angehört hatte, von Müllheim Abschied genommen haben. Es fehlt im Protokoll leider eine Notiz darüber. Mit dem folgenden Satz, der auch sachlich bedeutsam ist. wurde der Name des Nachfol- gers erstmals genannt. Er steht im Protokoll vom 20. Februar 1891 und lautet: c1. Die Her- ren Sec. Lehrer Kaiser, Pfr. Hagen und Fir. Brenner werden beauftragt, eine Vorlage dar- über zu machen, wie der Platz vor der Kirche in passender Weise angelegt und bepflanzt werden könnte.» —

 

Am 3. Juni 1891 kam die Anschaffung eines Harmoniums zur Behandlung. Beide konfes- sionellen Kirchgemeinden hatten bereits einen Beitrag beschlossen, so die katholische einen solchen von 450 Franken und eine Kollekte von mindestens 100 Franken; die evangeli- sche sicherte den Harmoniumfonds von 544 Franken und den Kollektenertrag von 400 Franken zu. Damit standen rund 1500 Franken zur Verfügung und die Gemeinde stimmte am 7. Juni 1891 dem Antrag der Pflegkommission zu, für diesen Betrag ein Harmonium anzu- schaffen und die Kosten für die nötigen Aen— derungen auf der Empore zu übernehmen. Das Instrument wurde von den Gebrüdem Hug in Zürich geliefert. Als Experte amtete Pfarrer

 

Wenzel in Felben. Dieser Kauf wie auch der Umbau der Empore wurde mit den üblichen Beratungen, dem Beizug von Fachleuten und anderen Umtrieben vollzogen

 

Unterdessen erhielt die evangelische Kir- chenvorsteherschaft ein Vermögen von 1600 Franken, das zum Ankauf des Gubler-Mohn- schen Hauses dienen sollte. Die paritätische Behörde förderte darum auch die Pläne der Platzgestaltung.

 

An der Versammlung vom 7. Juni hatten die Kirchbürger ebenfalls bestimmt, daß «die Kir- che auf die Zeit der Aufstellung des Harmo- niums zu weißeln» sei, was der vorgerückten Jahreszeit wegen dann nicht mehr möglich war. Anno 1892 erörterte die Pflegkommission. ob anstatt einer Ausweißelung ein Anstrich mit Leimfarbe, was eine würdige Ausschmük- kung ermöglichte, vorzuziehen wäre. Maler Xvihler (der im heutigen Haus von Spengler Rauscher wohnte) fertigte Zeichnungen und Farbmuster dafür an und erklärte, dal3 der Quadratmeter auf 90 Rappen zu stehen käme. Das Weißeln durch Gipser Hehl würde nur

 

45 Rappen je Quadratmeter kosten. In der Sitzung vom 6. Mai wurden verschiedene Ein- wände dagegen gemacht, indem die ausge- schmückten Mauern nicht mehr zu den alten Bänken und den alten Fenstern passen wür- den und man beschloß, zuerst «die Anlage des Platzes vor der Kirche abzuwarten» sowie die nötigen Erhebungen über die Bestuhlungs- frage zu machen. Da ein Kunstgärtner zu teuer wäre. soll Geometer Hüblin eine Skizze mit Kostenvoranschlag für die Anlage vor der Kirche ausarbeiten. An der Zusammenkunft vom 27.Mai stellte die Behörde fest, daß die nun vorliegende Skizze nicht befriedige und man entschloß sich, das weitere der neuen Behörde zu überlassen. Diese wurde am über- nächsten Tag bestellt, wobei Dr. Gebhardt durch Vorsteher Eigenmann aus Langenhart ersetzt wurde. Damit hatten die Katholiken drei Vertreter in der Behörde, wobei der Ge- wählte allerdings eher als Vertreter der Lan- genharter denn als seiner Konfession betrach- tet wurde. Die nächste Sitzung der Pflegkom- rnission fand erst im folgenden Jahr. am 24.

 

März i893 statt. Dabei übergab Pfarrer Bren- ner das Aktuariat an den neugewählten Vize- präsidenten Pfarrer J. Hagen. Dieser machte neuerdings auf den erbärmlichen Zustand der Kirchenbestuhlung aufmerksam und legte eine Skizze vor. Man beschloß, die Frage in der Kirche an Hand einer größeren Zeichnung weiter zu studieren. Am 5. Mai teilte Pfarrer Brenner mit, daß die Schulgemeinde das Gub- ler-Mohnsche Haus gekauft habe und man be» schloß‚ dieser das zu diesem Zweck bestimmte Strupplersche Legat von 3000 Franken, das mit den Zinsen auf 4295 Franken angewachsen war, zu übergeben. Damit wurde die Gestal- tung des Kirchenplatzes aktuell und Pfarrer Hagen zog seinen Antrag betreffend die Kir- chenbestuhlung bis zum folgenden Jahr zu- rück. An den folgenden Besprechungen be- faßte sich die Behörde mit den Fragen des Abbruchs der alten Friedhofmauer, der Pla- niemng, der Weg- und Straßenfühmng bei der Kirche. Am 26.September bestimmte die Kommission, daß die abzubrechenden Mauern samt Postamenten, Treppen und Platten auf

 

erne am 2. Oktober stattfindende Gant zu bringen seien. ——— In der Sitzung vom 17. No- vember wurde gemeldet, daß die Versteige- rung der Friedhofmauer einen Erlös von 36 Franken ergab. Die Straße führte damals, in einem Bogen um den alten Friedhof. Schon in jener noch motorlosen Zeit zog man eine ge- rade Linienführung der gekrümmten vor. Des- halb heißt es im Verhandlungsberichtvon je- nem Tag: «3. Um für die Landstraße eine ge- rade Richtung zu erzielen spricht Hr. Straßen- inspektor Geiger, der zu diesem Zwecke be- sonders von Frauenfeld sich eingefunden hatte, für Abtretung eines entsprechenden Teiles des alten Friedhofes an die geplante Straßenände- rung. Er beantragt, deswegen dem Kant. Bau- departement das Gesuch einzureichen, es möchte dasselbe in fraglicher Angelegenheit Untersuchung anordnen und der parit. Pfleg- commission hierüber Skizze und Antrag zu-

 

zustellen, damit auf Grund dessen Beschluß gefaßt werden kann. ———- Der Antrag wird ein- stimmig zum Beschlusse erhoben.» —- Der Verwirklichung ‘dieses Beschlusses stellten sich einige Schwierigkeiten entgegen, da der Staat nicht allen‘ Forderungen der Gemeinde entsprechen wollte und diese an ihrer Ver- sammlung beschloß, «an den Staat vorn Kirch- hofplatz kein‘: Land abzutreten und keinen Sockel längs“ der Landstraße erstellen zu las- sen und keine Schalea- das Müllersche Gärt- chen nicht zu kaufen (dieses befand sich öst- lich der Kirche), dagegen von der Landstraße direkt auf die Seitentiire der Kirche hin einen Weg zu bauen.» Für die Bepflanzung der An- lage wählte man unter fünf als fähig erichte- ten Gärtnern denjenigen, welcher am billig- sten arbeitete. Es war Herr Codin in T äger- wilen.

 

Der Gartenbaufachmann von der andern äeite des Seerückens besichtigte am 3. Mai ien Platz und am 17. konnte die Behörde be- „eits über eine von ihm entworfene Plan- ;kizze beraten. Am 20. Mai erschien G. Codin vieder persönlich, um der Pflegekommission ‘einen Plan zu erläutern. Sekundarlehrer Kai- er verfaßte den an die Gemeinde zu stellen- [en Antrag: «Die paritätische Pflegkommission st mit der Ausführung der vorgelegten Skizze u betrauen, ebenso mit jener der Cementbe— techung (der Grundmauer) und des Seiten- inganges.» — An der Versammlung vom „Juni stimmten die Kirchbürger zu und er- änzten die Behörde zu einer Baukommission, ndem sie in diese noch Gärtner Heß. Heinrich

 

Kesse1ring,Wepf-Jenatsch und Pflästerer Wih- ler wählten. In der anschließenden Sitzung wurde einstimmig der Beschluß gefaßt:

 

  1. a) Die Anlage vor der Kirche ist ohne wei- tere Unlerhandlungen mit dem Straßeninspek- torat nach den Beschlüssen der Gemeinde durchzuführen.

 

  1. b) Die Ableitung des Dachwassers hat vom Turm weg bis zur Straße und von der Südwest- ecke der Kirche bis zum Bache vermittels Ce- mentröhren zu geschehen.

 

  1. c) Vorn Schulhauspplatz ist nur soviel für die Anlage zu verwenden. als die Schönheit des ganzen Planes bedingt.

 

  1. d) das Sträßchen zur Schule ist bedeutend zu erweitern und gegen den freien Platz hin durch eine Schale zu begrenzen (Versetzung der bisherigen).

 

  1. e) mit einer Zeichnung für die so bestimmte Anlage nebst Andeutung von Gruppen und Pflanzen ist Herr Gärtner Heß beauftragt.»

 

Am 17. Juni 1894 lagen der Kommission zwei Pläne vor, von denen derjenige von H. Kesselring mehr gefallen fand. Wie aus Be-

 

merkungen des Aktuars deutlich hervorgeht, war eine starke Minderheit in der Behörde, die aber an jener Sitzung fehlte, mit dem si- cher getälligen, aber für die damaligen Ver- hältnisse teuren Projekt nicht einverstanden. Pfarrer Hagen als Wortführer dieser Opposi- tion genoß dabei auch Unterstützung durch protestantische Behördemitglieder. -— Inter- essant erscheint uns, daß die Ausführung der Arbeiten nicht durch Fachleute, sondern durch Kommissionsmitglieder geleitet werden sollte, wie folgender Abschnitt im Protokoll beweist: «5. Die Ausführung der ganzen Anlage vor der Kirche und um die Kirche wird den HH. Hch. Kesselring, Wepf-Jenatsch und Häberlin-Wer- ner übergeben in dem Sinne, daß ihnen die Anordnung alles Nötigen, die Leitung der Ar- beiten und die Aufsicht über dieselben zu- kommt. Für die Gärtnerarbeiten wird unter der Direktion und Aufsicht der vorgenannten drei Herren Gärtner l-lch. Heß angestellt; sollte derselbe sich der Aufgabe nicht unterziehen wollen, so sind die Herren Kesselring. Wepf und Häberlin beauftragt, von sich aus einen

 

andern Gärtner. bezw. eine in den Garten-

 

arbeiten kundige Persönlichkeit herbeizuzie-

 

hen.» —— In der Sitzung vom 18.Juli gab Pfr.

 

Hagen seine Verwahrung gegen die Beschlüs-

 

se vom l7. Juni zu Protokoll. Grund: Die em-

 

chen hundert Franken Mehrkosten hätten für

 

notwendigere kirchliche Bauten verwendet werden können! Während wir heute das Geld für eine gediegene, der Kirche und dem Dorf zur Zier gereichende Anlage als wohlverwen- det betrachten. müssen wir anderseits den weiterblickenden Antrag von Pflästerer Wih- ler, Pfarrer Hagen und Gärtner Heß anerken- nen. die für die Aenderung des Zuganges zur Seitentüre bis zur Durchführung weiterer kirchlicher Bauten nur ein Provisorium vor- schlugen, während Pfleger Bridle: und H. Kesselring für eine endgültige Ausführung eintraten und dafür eine Stimmenmehrheit ge- wannen. Am 2. August beschloß die Pillag- kommission wegen dem südlichen Eingang ein Gutachten durch Architekt Keller in Romans- horn. der häufig nach Müllheim kam. ausar- beiten zu lassen. Am 20. September wurde eine

 

Skizze von Architekt Keller vorgelegt. Man entschied aber darauf: «Es ist von allen wei- teren Bauten an der Kirche abzusehen, außer dem Verputz auf der südlichen, westlichen und östlichen Seite der Kirche, sowie eine neue Treppe mit vier Tritten aus Granit am südli- chen Eingang. An der Sitzung vom 8. Januar 1896 schrieb Pfarrer Hagen sein letztes Proto- koll in der paritätischen Pflegkommission. Er nahm in der Konstituierung das Amt des Vice- präsidenten und des Aktuars nur bedingt an. Zur Besorgung der Schalen, Wege, Rasenplätze und Hecken, zum Pfaden im Winter wurde gegen zu stellende Jahresrechnung Meßmer Hch. Wepf der Auftrag erteilt, zur Besorgung der Rabatten Frau Kath. Ernst. Ferner wurde verlangt, daß vom Lieferanten für das Fett für Uhr und Glocken Jahresrechnung gestellt wer» de. Zu einer für jene Zeit noch üblichen Aus? einandersetzung zwischen den beiden Pfarr- herren kam es wegen der Durchführung einer Pestalozzifeier in der Kirche. Mit Verständnis- losigkeit für die katholische Auffassung vom Gotteshaus und ohne Rücksicht auf die Ge- fühle der Minderheit hatte der alte Pfarrer Brenner diesen profanen Anlaß in der Kirche angeordnet und nun ersuchte er noch um die Bewilligung durch die paritätische Behörde.

 

Vergeblich vertrat Pfarrer Hagen den seinen Grundsätzen entsprechenden ablehnenden Standpunkt. Die Mehrheit stellte sich hinter Pfarrer Brenners Anordnungen. An der Sitzung vom 15. April fehlte Pfarrer Hagen und H.Kes- selring wirkte darum als Interimsaktuar. Am 30. April 1897 wurde er an Stelle des unter- dessen weggezogenen Pfarrers Hagen zum Ak- tuar gewählt, da Pfarrer Somm nur vorüber- gehend die katholische Pfarrei betreute.

 

An der Sitzung vom 20. Juli 1897 nahm be- reits der neu erkorene katholische Pfarrer Büh- ler teil. Es wurde gemeldet, daß die Gemeinde die Erstellung neuer Kirchentüren und das Ausweißeln der Kirche beschlossen habe. Se- kundarlehrer Kaiser und Pfarrer Bühler mach- ten die Anregung, mit einem vollständigen Plan an die paritätische Kirchgemeinde zu ge- langen für die bevorstehenden größeren Reno- vationen ——— neue Bestuhlung, Kirchenfenster etc. — um alles, wenn nicht gleichzeitig, so doch in richtiger Reihenfolge vornehmen zu können. Man begrüßte den Vorschlag, zwei- felte aber daran, ob die Gemeinde zustimmen würde und beschloß, die Kirche weißeln zu lassen und nur die südliche Türe samt Türge- richt neu zu erstellen. Gipser Hehl sollte eine neue „Skizze dafür zeichnen.

 

In den weitem Verhandlungen vom 8. und l2. September wurde sowohl über das Aus- weißeln der Kirche wie über den neu zu er- stellenden Südeingang beraten. Ein Rundbo- gen für den letztem. wie’ ihn Architekt Keller vorgeschlagen hatte, wurde als zu schwer be- trachtet und man entschied sich für eine wag- rechte «Verdachung», wie sie Gipser Hehl skizziert hatte. Am 12. November wurde von Pfarrer Brenner der Behörde mitgeteilt, «dal3 der Beschluß betreffend Ausweißeln der Kir- che eine Modifikation erfahren habe, indem von Herrn Hehl Vorschlag gebracht wurde, das Innere der Kirche mit einem Anstrich zu versehen in gelbem Ton mit weißen Rahmen und Fensternischen. ähnlich der Kirche in

 

Homburg. Nachdem die Mehrzahl der Kom- missionsmitglieder die Hamburger Kirche in Augenschein genommen, wurde der Vorschlag des Herrn Hehl acceptiert und demselben die Ausführung der Arbeit unter den vorher auf- gestellten Vertragsbedingungen um die Sum- me von Fr. 300.-—— übergeben.» Die Schreiner- arbeit erhielt Schreinermeister Germann um die Summe von 90 Franken. In der gleichen Sitzung besichtigte die Kommission die fertig erstellten Arbeiten und fand, daß die von Brühlmann in Weinfelden ausgeführte Stein- hauerarbeit plangemäß, schön und solid sei, dagegen wurde an der von Germann geschrei- nerten Türe die Flicke, Aeste, Verkittungen und zu schwachen Beschläge getadelt. Die Uebernahmesumme dürfe erst bezahlt werden, wenn die geforderten Verbesserungen vorge- nommen seien. Die Arbeit von Gipser Hehl wurde als tadellos angenommen und das Ent- richten der Akkordsumme beschlossen sowie die Entschädigung der Planungsarbeit und der Bauaufsicht im Betrage von 24 Franken ge- nehmigt.

 

An der Sitzung vom 29. März 1898 meldete Pfarrer Brenner, daß der paritätischen Kirch- gemeinde ein Legat im Betrage von 500 Fr. zur Anschaffung eines Leichenwagens zuge- kommen sei von der Familie Halter-Häberlin in Grüneck zum Andenken an Frl. Bertha Hal- ter sel. Von privater Seite sei der Erstellung von vier neuen Kirchenfenstern gesichert worden, sodaß die Gemeinde nur noch für de- ren fünf aufkommen müßte.

 

Am 24. Mai berichtet Pfarrer Brenner, daß er und «ein anderes Mitglied der Pflegschaft von den neuen Kirchenfenstern in Wigoltin- gen und Schönholzersweilen Einsicht genom- men» haben, Man wollte aber noch an andern Orten schauen und beschloß: «Es ist für Er- stellung neuer Kirchenfenster in hiesige Kir- che in der Schweizerischen lndustrie- und Handelszeitung die Konkurrenz zu eröffnen.» Es wurde ebenfalls über eine neue Kirchen- bestuhlung diskutiert. Man hatte diejenige von Schönholzerswilen betrachtet und erprobt und mit ihrer Sltzweite von 76 cm als bequem ge- runden, während die alten Müllheimer Bänke

 

nur 70 cm von einander entfernt waren.’ m’ die heutigen Kirchbürger beider Konfessionen erscheint jener Satz im Protokoll besonders interessant, der zeigt, wie verschieden die Verhältnisse im Kirchenbesuch vor 65 Jahren von den jetzigen waren: «Daraus ergibt sich, daß bei Ausführung einer neuen und etwas bequemeren Bestuhlung eine Anzahl von Sitz- plätzen verloren gehen, welcher Verlust, na- mentlich evangelischerseits, bei dem jetzt schon öfters fühlbaren Mangel. schwer emp- funden wird.» An der Sitzung vom 27. Juni wird die bisher übliche Bezeichnung «paritätische Pfiegkom- mission» durch die heutige «paritätische Kir- chenvorsteherschafbo abgelöst. Wiederum wa— ren die Kirchenfenster und der Leichenwageu sowie «Störungen im Gange der großen Glok- ke» Beratungsstoff. Am 22. Juli meldete der Vorsitzende, daß sich die katholische Kirchen- Vvorsleherschait bereit erklärte, an die durch die reichere Ausschmiickung der Chorfenster entstehenden Mehrkosten einen Betrag von 150 Franken zu leisten «unter der Bedingung:

 

daß auch das dritte Chorfenster eine ganz ähnliche Verzierung erhalte.» Man beschloß, den Auftrag an die Kunstglasmalerei Meyner und Boser in Winterthur zu übergeben, die Chorfenster zu je 200 Franken und die Fen-

 

Geschich 1l|c zes 1’ uher die i ar a lSG IE Kirche flu heim Von Richard Löhle, Müllheim

 

Am 9. November besichtigte die Behörde die eingesetzten neuen Fenster und fand sie im Ganzen sehr schön, wünschte aber bei Ge- legenheit Auskunft über stellenweise zu auf- fällige Farbenzusammenstellung und —inten- sität. Am l3. November gaben die Ersteller die gewünschten Erklärungen, wobei sie auch den Ersatz der gesprungenen Scheiben und das Reinigen der Fenster zusicherten. Prof. Büchler aus Winterthur gab ein lebendes Ur- teil über dieselben. worauf die Vorsteher- schaft die üblichen Beschlüsse wegen Abnah— me, Bezahlung und Finanzierung faßte. In der Sitzung vom 9. Dezember 1898 genehmigte die Behörde den Vertrag mit Wagenbauer Thaler in Ermatingen über die Erstellung eines Lei- chenwagens im Betrage von 700 Franken, In der Aussprache über die Kirchenbestuhlung zeigten sich wieder verschiedene Meinungen.

 

Die Mehrheit entschied sich für den Beschluß: «Es ist der Gemeinde zu beantragen, eine neue Bestuhlung der Kirche ohne gleichzeitige Er- weiterung der letzteren nicht vorzunehmen.» Am 27. Februar wurde dieser Antrag ergänzt mit dem Satz: «b. Die Pflegschaft zu beauftra- gen. über eine event. Erweiterung incl. Neu- bestuhlung der Kirche. Erhebungen zu ma- chem.» — Am 21. April wurde von zwei Be- werbern Emil Schönholzer zum «Löwen» als Leichenwagenführer bestimmt und als Experte für die Untersuchung des neuen Leichen- wagens Ed. Häberlin-Wemer gewählt.

 

Am 22. Juli legte Pfarrer Brenner einen Be- richt von Architekt Brenner in Frauenfeld vor. in welchem dieser erklärt. dal3 unter den gegebenen Verhältnissen nur eine Verlänge- rung der Kirche mit Umbau der Empore zu empfehlen sei. Er erhielt durch behördlichen Beschluß den Auftrag, «Plan und Kostenbe- rechnung betreffend Erweiterung und Neu- bestuhlung der Kirche auszuarbeiten.» —- Das war die letzte Sitzung. die Pfarrer Karl Bren- ner leitete. Während 43 Jahren hatte er als initiative und starke Persönlichkeit in Müll-

 

heim gewirkt. In der paritätischen Kirchge- meinde und —behörde war er um den Unter- halt der Gebäude und Anlagen besorgt. Im Schulwesen machte er sich um die Gründung der Sekundarschule verdient. Anderseits prä- sentierte er sich als ein Kind seiner Zeit. in welcher die konfessionellen Gegensätze be- tont wurden und in der man die schwächere Partei bekämpfte und nach Möglichkeit unter- drückte. Hart wurden die Auseinanderset- zungen, wenn der Vertreter der andern Seite ein ebenso untemehmungsfreudiger und streit- barer Charakter war. wie es z. B. während der Amtszeit von Pfarrer Joh. Ev. Hagen, dem spätem Domherrn zu Frauenfeld geschah.

 

Das Werk. das unter dem Präsidium von Pfarrer Brenner allmählich vorbereitet worden war. wurde nach dessen Hinschied zielbewußt fortgesetzt. denn auch bei den weltlichen Be- hördemitgliedern befanden sich einige mar- kante Gestalten. wie Sekundarlehrer Kaiser und Armenpileger Kesselring.

 

An der Sitzung vom 19. April 1900 nahm die Kirchenvorsteherschalt Kenntnis von zwei Le- uaten zu Gunsten der Kirchenvergrößerung

 

und Neubestuhlung und zwar 800 Franken zum Andenken an Gerichtspräsident Schmid sel. und 300 Franken zur Erinnerung an Pfr. Brenner sel.. —’ Am 21. März 190l wurde des- sen Nachfolger Pfarrer Kopp zum Präsidenten gewählt und Pfarrer Bühler zum Vizepräsiden- ten. nachdem Kirchenpfleger Bridler von die- sem Amt entlastet werden wollte. Nun konn- te auch das Projekt von Architekt Brenner vorgelegt werden. Nach diesem war eine Ver- längerung der Kirche nach Westen vorgese- hen. womit etwa 100 Sitzplätze zu gewinnen waren. Die Kanzel sollte von links nach rechts versetzt und „eine Heizung eingebaut werden. Der Kostenvoranschlag betrug 22000 Franken. Das Einverständnis der Pflegkom- missio_n_ zu diesem Plan kam vor allem aus finanziellen Erwägungen. Die Bedenken wegen der ästhetischen und akustischen Wirkung des langgezogenen Schiffes und der weit nach vom ragenden. tiefen Empore wurden damals schon geäußert. Um weitere Verzögerungen zu vermeiden. beschloß die paritätische Kir- chenvorsteherschait, die Ausführung dessel- ben im Jahre 1902 zu empfehlen.

 

Am 12. Mai stimmte die paritätische Kirch- gemeinde dem von der Behörde vorgelegten Projekt zu. In der Sitzung vom l5. August be- richtete Pfarrer Kopp darüber und meldete zugleich, daß nachher Stimmen der Unzufrie- denheit laut wurden. Diese Baute sei unzweck- mäßig, wenn zur Verlängerung nicht auch eine Verbreiterung vorgenommen werde. Man hatte darauf durch Architekt Brenner die nöti- gen Untersuchungen vornehmen lassen. Er stellte fest, daß das Kirchendach sich in einem baulich sehr gutem Zustande befinde. Eine Er- weiterung käme nur nach Norden in Frage. Die Kosten waren bedeutend höher als beim schon genehmigten Projekt. Die Kommission fand daher, daß die Gemeinde kaum auf die viel teurere Lösung eintreten würde.

 

Der Umstand, daß in den letzten Jahren in- nerhalb der Behörde oft verschiedene Meinun- gen aufeinander geprallt waren, hatte offen- sichtlich eine gute Wirkung. Jene rechnete auch in der Gemeinde mit einer Gegnerschaft und sah sich entsprechend vor. Im Dorf kannte man damals die gedruckten Botschaften und Aufklärungsveranstaltungen mit Referaten für und gegen wichtige Vorlagen noch nicht. Die Orientierung und Aussprache konzentrierte sich in den Gemeindeversammlungen. Darum schrieb Aktuar Heinrich Kesselring: «. . ., um aber der in nächster Gemeindeversammlung zu erwartenden Opposition -— die vielleicht nur eine Verzögerung der ganzen Baufrage bezwecken möchte — richtig vorbereitet ent- gegentreten zu können, wird Herr Architekt Brenner beauftragt, über das in Frage stehen- de Projekt I (Versetzen der nördlichen Wand und Erstellen eines neuen Dachstuhles über dem Schiff) einen kurzen Bericht nebst apro- ximativer Kostenberechnung auszuführen.» ——

 

Um das Problem der gegenwärtig aktuellen Kirchenauslösung ausschalten zu können, wurde in letzter Zeit ——— ohne Wissen um die gleichen Bestrebungen am Anfang des Jahr- hunderts — die Frage einer Verbreiterung des

 

Kirchenschiffs erneut ins Gespräch gebracht. Man liest daher mit Spannung, wie anno 1901 man sich die Sache vorstellte und darüber entschied. Auszug aus dem Protokoll der Sit- zung vom 2. Oktober 1901: «2. Vorgelegt wer- den: a) Bericht und Kostenberechnung für Er- weiterung der Kirche nach Norden von Herrn Architekt Brenner. b) von demselben zu obi- gem Projekt ein neuer Grundriß, ferner eine Zeichnung der Westfront für den neuen An- bau an die Kirche. Der Bericht enthält im we- sentlichen dasselbe, was Herr Brenner in der letzten Sitzung persönlich mitgetheilt. Er hat in dem betreffenden Projekt eine Verbreite- rung der Kirche um einen Meter vorgesehen und ist zu einem aproximativen Kostenvoran- schlag von 20000 Franken gelangt, wodurch mit der gleichzeitig vorzunehmenden Verlän- gerung der Gesamtkostenvoranschlag die Hö- he von 42 000 Franken erreichen würde. Herr Brenner kann dieses Projekt nicht empfehlen und würde diesem einen Neubau der Kirche vorziehen. ——— Die Mehrheit der Pflegkomniis- sion theilt die Ansicht des Architekten und ist der Meinung. daß bei einer solchen Baute ohne Zweifel eine Summe von 50 000 Franken verausoabt werden müßte, wozu sich die ‘Ge-

 

meinde gegenwärtig nicht verstehen würde. Die Diskussion dreht sich hauptsächlich um die Frage, ob das Resultat dieser weiteren Er- hebung bei der nächsten Gemeindeversamm- lung einleitend mltgetheilt, oder erst bei einer allfällig nachfolgenden Diskussion eingefioch- ten werden soll. Mit Mehrheit wird beschlos- sen. von vorne herein von der Sache Mit- theilung zu machen. um vielleicht einer un- liebsamen Diskussion von Anfang an die Spitze zu brechen.»

 

Die Summe von 50000 Franken erscheint uns heute bescheiden. Wenn wir aber berück- sichtigen, daß sie dem Wert von heutigen 250 000 bis 300 000 Franken entsprach und der Platzgewinn von rund 30 Sitzen kaum den Auf- wand entschädigte, sobegreiien wir die ab- lehnende Haltung der Mehrheit von Behörde und Kirchbürgem. Man darf auch mit Recht daran zweifeln, daß mit jener projektierten Verbreitung des Kirchenschitfs die Auslö- sungsfrage hinausgezögert worden wäre. denn es waren und sind noch andere. zum Teil wichtigere Gründe, wie die freie und günsti- gere Festsetzung der Gottesdienstzeiten. wel- che den Wunsch nach einem eigenen Gottes- haus der Katholiken weckten.

 

Auf den Wunsch der Baukommission war Architekt Brenner in der Sitzung vom 13.No- vember 190l anwesend. damit er über vet- schiedene Detailfragen Auskunft geben konn- te. So wurde es dem Architekten überlassen, die Höhe der Empore so festzusetzen‚ daß einerseits die für das Schönheitsemptinden richtigen Proportionen entstanden, anderseits aber die Sicht auf Kanzel und Chor berück- sichtigt blieb. Die Brüstung sollte zurückver- setzt werden und der hintere Teil eine min- destens zwei Meter tiefe ebene Fläche erhal- ten, die zur Aufstellung des Harmoniums und später einer Orgel geeignet sei.‘ Man be- schloß ferner, den Gang, welcher sich damals mehr auf der rechten Seite hinzog, weil die Frauenbänke länger waren als jene auf der Ivlännerseite, in die Mitte zu verlegen. Die

 

Treppe zur Empore sei anstatt auf der Süd- seite auf der Nordseite zu erstellen. Das im Projekt vorgesehene Versetzen der Kanzel auf die rechte Seite wurde von der Mehrheit als unzweckmäßig erachtet und man beschloß‚ die neue wiederum auf der linken Seite errichten zu lassen. —— Ebenfalls in dieser Sitzung legte Pfarrer Bühler die Frage vor, ob man eine neue Sakristei an der Nord- oder der Südost-

 

seite der Kirche bauen könnte und die bis- herige irn Turm in einen Läutraum umzuge- stalten wäre. An der Sitzung vom 10.Januar 1902 erklärte Pfarrer Kopp die detaillierten Pläne und Skizzen, wobei er vor allem auf die wegen der bequemeren Treppenanlage zur Empore und das Zurücksetzen der letzteren nötige Aenderung der Stuhleinteilung hinwies. Dadurch würden beim Umbau anstatt der ge- wünschten 100 Plätze nur deren 70 gewon- nen und bei einem späteren Orgeleinbau gin- gen auf der Empore eine weitere große Zahl von Sitzen verloren. Der Redner äußerte daher Zweifel, ob sich die Ausführung des Projektes überhaupt lohne. In der Diskussion wurde her- vorgehoben, daß man bei solchen Bauten tür zukünftige Bedürfnisse zu sorgen habe und ein solches werde in einigen Jahren wohl die Anschaffung einer Orgel sein. Ob eine solche soviel Platz beanspruche, wie Orgelbauer Kuhn in Männedorf darlegte, sei durch eine persönliche Aussprache mit demselben abzu- klären. Für diese Aufgabe wurde H. Kesselring bestimmt. — Von der Firma Boller-Wulf in Zürich lag ein Situationsplan über den Einbau einer Heißluftheizung vor. Die- Herren Halter und Ernst sollten eine solche in Augenschein nehmen. —— Schon am 24.Januar erstattete Aktuar H. Kesselring seinen Bericht über die Unterredung mit Orgelbauer Kuhn, der ver- sicherte, er könne den Wünschen der Kom- mission entgegenkommen, indem er dank ei- nem neuen, von ihm entwickelten System ein Instrument zu liefern vermöge, das nur den Raum von etwa 20 Sitzplätzen benötige. Eben-

 

so positiv lautete der Rapport von A. Halter- Alder über die in der Kirche Sulgen besich- tigte Heizungsanlage von Boller-Wulf. — Aus ästhetischen Gründen entschied sich die Kom- mission dafür, die Empore durch Säulen zu stützen. — Am 29. Januar beschloß die Be- hörde, die untere Fläche der Empore mit einer Gipsdecke zu versehen, sowie in den Gängen und im Chor einen Plättliboden legen zu las- sen. Die Frage der Aufstellung eines Tauf- steines, der beiden Konfessionen diene anstel- le von zwei besonderen wurde wiederum auf- geworfen. Die beiden Kirchenvorsteherschaf- ten sollten aber zuerst darüber beraten. Im Protokoll steht ferner: «6) Nachdem die früher schon berührte Angelegenheit betreffend Er- stellung einer neuen Sakristei auf der Nord- seite der Kirche, Erstellung eines Zuganges von außen direkt in den Thurm, Entfernung der gegenwärtigen Thurmtreppe etc. wieder- um zur Sprache kommt, und es sich im Laufe der Diskussion herausstellt, daß noch ver- schiedene Fragen damit in Zusammenhang ste- hen, die ohne fachmännisches Gutachten nicht gelöst werden können, wird beschlossen, Herrn Architekt Brenner kommen zu lassen. um von diesem an Ort und Stelle die gewünschten Aufschlüsse zu erhalten und ihn event. zu neuen Vorlagen zu veranlassen.»

 

Bereits am 4. Februar erschien Herr Brenner. mit welchem die Baukommission in der Kirche zuerst das Projekt für die Emporentreppe be- sprach‚ für welches noch Zeichnungen anzu- fertigen waren für die beiden Möglichkeiten mit und ohne Bodest. Die Behörde stimmte

 

der Empfehlung des Architekten. die Empore mit gußeisemen Säulen zu stützen, zu. Dieser erklärte sich auch mit dem Vorschlag der Kommission, an der Empore eine I-iolzbrüstung von 50—60 cm Höhe, darüber eine eiserne Querstange anzubringen, einverstanden. Die Besichtigung ergab, daß sich den gewünsch- ten Aenderungen am Turm und dem Bau einer Sakristei hinter der Kirche keine besonderen Schwierigkeiten entgegenstellten und Archi- tekt Brenner erhielt daher den Auftrag, «be- förderlichst einen kleinen Plan nebst Kosten- berechnung an Herrn Pfarrer Bühler einzusen- den.»

 

Am 21. Februar entschloß sich die Kommis- sion nach Betrachtung der beiden Skizzen für die Emporentreppe für die Lösung ohne Eo- dest. «Von den Plänen für eine neue Sakristei wird Einsicht genommen. dieselben finden Beifall, doch wird darüber nicht näher bera- ten, weil die Ausführung nur der katholischen Konfession zufällt», schrieb Aktuar Kesselring über das fünfte Traktandum.

 

Die Kosten für die Uinbaute im Turm wur- den vom Architekten auf 400 Franken veran- schlagt. Nach eingehender Diskussion über die grundsätzliche Frage beschloß die Baukom- mission rnit Mehrheit. der Gemeinde die Aus- führung der durchberatenen Vorlagen zu empfehlen. Die Pläne sollten während drei Tagen im alten Schulhaus zur Einsicht ant’- iiegen. «Die Einberufung der paritätischen Kirchgemeinde wird auf Sonntag den 2‚März festgesetzt und es hat der Aktuar Kesselring über die Kirchbaupläne zu referieren.»

 

In jener Zeit, als Bahn, Postkutsche und die privaten Pferdefuhrwerke noch die gebräuch- lichsten Transportmittel waren, liebten es die Behördemitglieder doch, zu Besichtigungen kleinere und größere Reisen zu unternehmen. So berichtete A. Halter-Alder, der allen seit einigen Jahrzehnten in der Gemeinde Woh- nenden als «de Herr Oberst» noch in guter Erinnerung steht, über seinen Besuch in den Kirchen Wängi. Lommis und Stettfurt. Der von allen, die ihn kannten, ebenso hoch geachtete Heinrich Kesselring rapportierte über seine Visite in der Kirche zu Sirnach. An allen die- sen Orten wurde die Bestuhlung betrachtet, gemessen und ausprobiert. Die Weite betrug überall 82 cm und darüber. Die Bänke von

 

Stettfurt galten als die bequemsten. Man ließ die Frage der Stuhlweite an jener Sitzung vom 26. Februar noch offen. Im Namen der Gegner des vorliegenden Projektes meldete Herr Hal- ter, daß von der Kommissionsminderheit an der Gemeindeversammlung der Antrag ge- stellt werde, diese möge beschließen, den ge- wählten Erweiterungsplan beiseite zu legen und der Baukommission den Auftrag zu ge- ben, Pläne für einen Umbau oder eventuellen Neubau aufzustellen. Pfarrer Bühler beantrag- te. die Mehrheit und Minderheit im Gremium namentlich zu protokollieren. Für das ausge- arbeitete Projekt erklärten sich Pfarrer Büh- ler, W. Bridler‚ Vorsteher Eigenmann, A. Kai- ser, Schulpfleger Keßler und H. Kesselring. Dagegen opponierten Pfarrer Kopp. A. Halter, G. Hehl und Ingenieur Flatt. —— Die Gemeinde lehnte aber am 2. März den Wiedererwägungs- antrag ab, und schon am 5. dieses Monats traf sich die Baukommission zu weiteren Beratun- gen, wobei sich die unterlegene Minderheit in gut demokratischerArt zu reger Mitarbeit her- beiließ —— was zu keiner Zeit qanz selbstver-

 

ständlich ist. Architekt Brenner erhielt den Auftrag. Detailpläne und Baubeschrieb für die Konkurrenzeröffnung anzufertigen. Er wurde ebenfalls ersucht, die Oberleitung der Baute zu übernehmen. Es sollten mit ihmauch die Fragen wegen dem zu stark vorspringenden Vtfesteingang und der Zurückversetzung der Empore besprochen werden. Bei einem Ver- gleich mit anderen älteren Kirchen fällt uns auf, daß unser Gotteshaus innen und außen einen einheitlichen Stil zeigt. Der romanische Rundbogen bildet das herrschende Element, Es erscheint heute nicht‘ so selbstverständlich, daß um die Jahrhundertwende auf diese Ein- heitlichkeit geachtet wurde. Wem das zu ver- danken bleibt, verrät das Protokoll: «Herr Halter macht darauf aufmerksam, daß Kanzel, Beichtstuhl, Chorstühle etc. ein einheitliches Gepräge erhalten sollten, weshalb darauf zu achten sei, daß diese Arbeiten von demselben Unternehmer ausgeführt werden. Der Anre- gung wird allseitig beigepflichtet.» Leider war damals der schnörkelhafte, heute als ge- schmacklos empfundene Sogenannte Jugend-

 

stil Mode. Jene, welche die Renovationsarbei- ten zu entwerfen und auszuführen hattemkorn- binierten die beiden Stile. So zeugt alles, was, damals in der Kirche und vor allem im Chor neu geschaffen wurde, von der unglücklichen Mischung. Vor allem der Altar und die Gips- statuen stellen eindrückliche Beispiele des Ju- gendstiles dar. Am l6. März befaßte sich die Kirchenbaukommission mit dem Westeingang. Man verzichtete dabei auf die zuerst vorge- sehene innere Vortiire. Am l7. April regelte die Baukommission die Konkurrenzeröffnung und beschloß sie, im Kirchenschiff ein Brust- oder Kopftäfer anbringen zu lassen. Am 24. April beriet die paritätische Kirchenvorsta- herschaft, welches Lokal während der Bauzeit für Gottesdienste verwendet werden könnte. Es standen ein den Gebrüdern Masera «zur Säge» gebörenderHolzschuppen oder der über- deckte Sägereihof zur Diskussion.

 

Am 30.April genehmigte die Baukommis- sion den Vertrag über eine Zentralheizungs- anlage mit Boller-Wulf in Zürich. Dann vergab sie die Arbeiten an die unter 65 Offertstellem

 

ausgewählten Unternehmer, so die Maurer- arbeit an Langhart undSpengler, Müllheim und Wellhausen‚ die Zimmerarbeit an Ludwig Keßler in Müllheim, die Granitarbeiten an die AG der Granitbrüche in Lavorgo, TI, die Stein- hauerarbeit an Mattli in St. Margrethen SG, die Gipserarbeit an Schroff in Weinfelden, die Spenglerarbeit an Anton Berliat, Müllheim, die Deckerarbeit an Werner, Müllheim, die Eisen- und Säulenlieferung an Ernst & Cie., (Utilis) Müllheim, die Schlosserarbeit an Steiner in Frauenfeld, die Lieferung der Zementplättli an Werner Graf in Winterthur, die Ausführung von Kanzel und Chorbestuhlung an Altarbauer Holenstein in Wil. Mit diesem unterhandelte die Baukommission am 2. Mai in der Kirche über die Plazierung der Kanzel und die von ihm vorgelegten Pläne. Am 18.Mai konnte Aktuar Kesselring mitteilen, daß von unge- nanntseinwollender Seite für Kirchbauzwecke

 

1000 Franken geschenkt wurden. Für die Er- stellung der Bänke für Schiff und Empore fiel die Wahl auf die Firma Wyler in Veltheim. «Die Bestuhlung wird in Eichen-Pic Pines und Jellow Pines Holz ausgeführt. Ein Musterstuhl wird in etwa 3 Wochen geliefert», meldet das Protokoll. Entgegen dem früheren behördli- chen Beschluß entschied die Kommission, als Gottesdienstlokal den Gemeindesaal zu benüt- zen, da in den Gebäuden der Gebrüder Masera zu viele Vorkehrungen nötig wären. An den Skizzen und Preisen für Kanzel und Chor- stühle gab es einiges zu loben und anderes zu verbessern. Es wurde erörtert, ob man mit dem Erdaushub den hinter der Kirche dutch- fließenden Mühlebach, der durch weite Ze- mentröhren zu leiten wäre, ausfüllen wolle.“ Man beschloß, die Besitzer. Gebrüder Masera, um die Einwilligung zu ersuchen.

 

Die am 17. April 1902 bestellte Subkommis- sion aus den Herren Halter, Flatt und Kessel- ring wurde um die beiden Mitglieder Ernst und Hehl verstärkt. Am 20.Mai wurde bei Anwesenheit von Altarbauer Holenstein aus Wil die Frage der Chorbestuhlung nochmals besprochen, in welcher der Behörde erklärt wurde, daß eine einfachere und billigere Aus- führung die Kirche allzu schmucklos erschei- nen ließe. Er offerierte in Ermäßigung des ur- sprünglichen Preises die Ausführung von acht Chorstühlen auf der Nordseite und von vier auf der Südseite (inkl. Pfarrort) zum Preis von 1000 Franken. Die Kommission beschloß ein- stimmig Annahme dieses Angebots. — Der im obem Schulhaus wohnende Lehrer hatte Ein-

 

sprache erhoben gegen den Beschluß, den Gemeindesaal während der Bauzeit als Gottes- dienstlokal zu benützen wegen der dadurch bedingten Ruhestörung und andern Unzuläng- lichkeiten. Die Behörde blieb aber bei ihrem Entscheid, wobei sie allerdings der Schulver- steherschaft die Möglichkeit überließ, die Ab- teilung Brühlmann in den Gemeindesaal zu verlegen und dafür deren Schulzimmer im un- tem Schulhaus für die kirchlichen Zwecke zu bestimmen. Am 2. Juni befaßte sich die Kom- mission mit der Besichtigung des Musterstuh- les in Anwesenheit eines Vertreters der Firma Wyler in Veltheim. Es wurden noch einige Verbesserungen verlangt. Die weiteren Bera- tungen galten der Reinigung des als Gottes- dienstlokal benützten Schulzimmers, der Be- gutachtung der Plättlimusler für Gang und Chorboden sowie der Frage über den über- flüssig erscheinenden Mauervorsprung auf der linken Chorseite. — Aehnliche Detailfragen behandelte die Baukommission am 20.Juni. So berichtete H. Kesselring, daß die Subkom- mission anordnete‚ daß eine Ableitung für das

 

Wasser aus dem Heizkeller erstellt wurde. Ferner wurde den Maurern eine Spezialent- Schädigung für das schwierige Unterfangen des nordwestlichen Fundaments der Kirche bewilligt. —- Es waren noch keine 40 Jahre vergangen, seit die katholische Kirchenvorste- herschaft den Wunsch der evangelischen Be- hörde nach einem gemeinsam zu benützenden Taufstein ablehnend beantwortet hatte. Es zeugte daher von einem entscheidenden Ge- sinnungswandel, wenn nun Aktuar Kesselring folgenden Abschnitt ins Protokoll eintragen konnte: «4. Nachdem die kath. Kirchenvor- steherschaft auf Zuschrift der Subkommission einstimmig den Beschluß gefaßt, sich an der gemeinsamen Benutzung eines Taufsteines mit zwei Taufbecken zu beteiligen, wird heute die Frage erörtert, ob der bisherige evange- lische Taufstein renoviert, mit einem neuen Fuß versehen und für beide Konfessionen her- gerichtet, oder gemeinsam ein neuer Tauf- stein angeschafft werden soll. Zwei verschie- dene Anträge werden vereinigt dahingehend. daß für beide Ausführungen Offerten emce-

 

holt werden sollen.» — Dießaukommission entschied sich nach Betrachtung einer zweiten Musterdogge für die erste Form, wie sie die Musterbank aufwies. Sie erklärte sich ferner mit dem von Architekt Brenner eingereichten Entwurf für das Brusttäfer im Kirchenschiff einverstanden. Die restlichen Schreinerarbeiten wurden an alle drei ortsansässigen Fachleute verteilt. So wurden vergeben: Hauptportal und äußere Sakristeitüre an Herrn Mast, die übrigen vier Türen an Herrn W. Gubler und das Brusttäfer an Herrn Gemiann. — Die Geldfrage spielte bei solchen Bauten seit jeher eine wesentliche Rolle, weshalb der folgende Satz Beachtung verdient: «7. Da die Beschaffung von Geld für die Kirchenbaute in nächster Zeit notwendig wird, werden Herr Kaiser und Kesselring er- sucht, bei den beiden kantonalen Bankinsti- tuten persönlich vorstellig zu werden, ob nicht die nöthige Summe von ca. 30 000 Fr. unter 4 Prozent erhältlich wäre.» — Schon am 25. Juni kamen die Kommissionsmitglieder wieder zu- sammen, beschlossen, nachdem Herr Holen

 

stein den Abbruch des früher erwähnten Mauervorsprunges empfohlen hatte, «densel- ben vorläufig in schräger Richtung abzutra— gen», _- wählten für den Bodenbelag die Plättli mit dem bevorzugten Muster, entschie— den sich für die Stuhlweite von 84 cm in der hintern und von 83 cm in der vordern Hälfte des Schiffes.’ Die Malerarbeiten in demselben wurden Herrn Wihler übertragen. Wirtschaft- lich ging es der Welt und damit auch den Müllheimern damals gut, was nicht nur in der regen Bautätigkeit, sondern auch in der Spen- debereitschaft zum Ausdruck kam. Der Aktuar konnte darum schreiben: «5. Es werden der Baukommission von Ungenannt wiederum zwei. Schenkungen übermittelt, nämlich für Erstellung eines „neuen gemeinsamen Tauf-

 

steins und einer Acetylenbeleuchtungsanlage

 

in dekorativer Ausführung 1000 Fr.‚ ferner an

 

die Bestuhlung im Chor 300 Fr. Die Geschenke

 

werden bestens verdankt und es will die Bau-

 

kommission für entsprechende Verwendung

 

besorgt sein.»

 

Für die bei der Verlängerung des Kitchen-

 

schiffes an den Seitenmauern und der West- front neu geschaffenen Fensteröffnungen muß- ten Scheiben besorgt werden. An der Sitzung vom 8. Juli sprach sich die Baukommission für die-Entwürfe von Meyner in Winterthur aus. Die Preise von je 160 Franken für das Nord- und das Südfenster, von je 180 Franken für die beiden Westfenster und von 150 Fran- ken für die Rosette erwiesen sich bereits um einiges höher als vier Jahre zuvor. Ueber die

 

Finanzbeschaffung meldete das Protokoll: «3.

 

Da nach eingeholten Erkundigungen keine

 

Aussicht vorhanden ist, von einem Bankinsti-

 

tut unter 4 Prozent (gemeint ist ein Zinsfuß

 

von weniger als 4 Prozent) Geld zu erhalten,’ wird heute beschlossen, die nöthige Summe’ bei der Kantonalbank zu erheben.» ——

 

Der Sitte, beim Aufrichten eines Gebäudes den Arbeitern einen «Trunk» oder ein «Essen» zu spenden, wollte man auch bei dieser Gele- genheit im gleichen Rahmen wie beim Schul- hausbau entsprechen und die Herren Kaiser, Bridler und Kesselring erhielten den Auftrag, die Angelegenheit vorzubereiten.

 

Mit der Taufsteinfrage befaßte sich die Bau- kommission am 30. Juli 1902. Von den Zeich- nungen und Photographien, die verschiedene Bildhauer zur Ansicht eingesandt hatten, ge- fielen nur solche von Schneebeli in Zürich und Brotbeck in Münchwilen. Nachdem die weitere Beratung darüber an die Subkommis- sion und die evangelische Kirchenvorsteher- schaft überwiesen worden war, beschloß das Gremium, nicht nur das Aeußere des Kirchen- Schiffs, sondern auch des Turmes verputzen zu lassen, da derselbe an der Westfront große schadhafte Stellen aufwies; Man bestimmte ferner, daß am ganzen Kirchendach Dachkän- nel angebracht werden sollen, denn bisher be- fand sich nur auf der Südseite ein solcher.

 

Am 2?. August vergab die Kommission die Verputzarbeiten an der Kirche wie am Turm dem Gipser Schroff in Weinfelden zum Preise

 

von 1800 Franken. Auf Antrag eines Kommis- sionsmitgliedes wurde Aktuar Kesselring er- sucht, persönlich mit Schneebeli in Zürich über die verschiedenen Taufsteinentwürfe zu sprechen. Als Heizer für die neue Feuemngs- ‚ anlage wurde Meßmer Wihler gewählt.

 

Nach dem Bericht von H.Kesselring über die Unterredung mit Bildhauer Schneebeli ge- nehmigte die Baukommission am 8. September die von diesem zuletzt eingesandte Vorlage, deren Maße allerdings etwas reduziert wur- den. Die Arbeit wurde Schneebeli zum Betrag von 560 Franken übertragen. —-— Die besonde- ren, nicht feuchtigkeitsempfindlichen Kohlen mußte der Pfleger bei Caspar Tanner in Frau- enfeld bestellen, 100 kg zu Fr. 6.10.

 

Nach Kenntnisnahme über einen Riß am Hauptportal, der beim Meißeln von Dübellö- chern entstanden war und einer provisori- schen Zusage wegen der Ueberdeckung des Mühlebaches erörterte die Baukommission die Frage der Einweihungsieier, worüber sich der Männer- und Töchterchor schriftlich er- kundigt hatten. — Am 15.0ktober versam- melte sich die Baukommission erneut und war sehr «ungehalten» darüber, daß Hohenstein in Wil die Bemalung des Chores nicht überneh-

 

men wollte, nachdem er vorher diesen Auf- trag gewünscht hatte. Der von ihm einge- sandte Plan war, nachdem man einige Monate vergeblich darauf gewartet hatte, außerdem unvollständig. —- Die Kommission beauftragte

 

Maler Wihler, in Verbindung mit Maler Mö- rikofer in Frauenfeld, einen neuen Entwurf für die Chorbemalung in kürzester Frist auszuar- beiten. —— Ein Ersatzstein für den beschädig- ten Portalpfosten war «in Folge ganz fehler- hafter Versendung in sehr defektem und un- brauchbarem Zustand» angekommen. Derselbe wurde nun dem Lieferanten Mattli in St. Mar- grethen, welcher auf zwei Reklamationen nicht geantwortet hatte, wieder zur Verifi- gung gestellt. Steinhauer Meier in Frauenfeld hatte unterdessen den Riß am alten Tiirpfo- sten mit Steinkitt geflickt. ‚ _ ‚

 

’ Am 28. Oktober legten die beiden beauftrag- ten Maler schon die Pläne für die Dekoration von Schiff und Chor vor. Die Kosten waren auf 500 Franken für das erstere und auf 900 Franken für die Bemalung des Chores «in ächter Vergoldung» berechnet. Die Arbeiten wurden zu diesen Preisen an die beiden Hand- werker vergeben.

 

Mehr als sonst hatte die Baukommission

 

Schäden und Verzögerungen bei den Arbeiten festzustellen und. zu „reklamieren. So wurde u. a.- beim Entfernen der Gerüststangen beim Turm‘ die Bodenleitung des Blitzableitersteil- weise herausgerissen und nachher nur primi- tiv wieder in den Boden gedrückt. —— Ans dem Protokoll vom 2. Dezember i902 wbllen wir folgende bemerkenswerte Abschnittezi- tieren: «i, Auf das Gesuch der ‘kath. Kirchen- vorsteherschait an die Baukommission. „es möchte bei der Plazienmg des Harmoniuirxs auf-der neuen Empore darauf Rücksicht ge- nommenwerden, daß fürdie Aufstellung des kath. Kirchenchores hinter demlnstrument ein geeigneter Raum „zur Verfügung bleibt, He- ’sch1iéBt die Komn3issiofxi;‘d’em–Wuns’che_zu ‘entsprechen; nachdem von? katholischer Seite die Konzession gemacht“ rvtrrde‘; daß sie bei der Aufstellung des Taufsteines den evangeli- sc‘hen Bedürfnissen Rechnu’ng’t1-agern wolle, so „daß derselbe nicht mehr bloß am Rande des Chores, sondern zirka anderthalb Meter ins Innere desselben gestellt werden dürfe. — 2. Nachdem die Wasserableitung vom Kir- chen- und Thurmdach von der engem Bau- kommission an Akordant Mora vergeben wurde. wird heute demselben auch die Planie

 

des Kirchenplaizes in der Umgebung der Kir- „che, speziell auf der Westseite derselben. fywübergeben mitgder Wunschesäußerung, daß bei der Ausführung womöglich auch hiesige

 

Arbeiter zu berücksichtigen seien.» Am 17. „Dezember besichtigte die Baukommission die

 

neue Chorbestuhlung und die Kanzel in der ‘Kirche. im Bericht darüber zeigte sich deut- „lich. daß Architekten und Handwerker damals „in ihrem Schaffen mehr Wert auf eine ver— meintlich ästhetische Gestaltung als auf das ‘Praktische und Bequeme legten. «Was die erstere betrifft so iindet sie daB die Ausfüh- Ärung sehr schön und kunstgerecht sei und als Ganzes den dekorativen Zweck voll und ganz erfülle, daß sie aber in praktischer Hinsicht ‚Verschiedenes zu wünschen übrig lasse. Die „Stühle sind nämlich zum sitzen ‚unbequem ‚theils wegen des niedrigen Sitzbrettes. theils ‚weil nur die Schultergegend einen Stützpunkt ‚hat und Kreuz und Lendengegend diesen ent- behren. Es wird beschlossen mit Herr Holen- stein darüber zu reden, ob einige Verbesse- rungen vorgenommen werden können ohne zu eingreifenden Veränderungen Anlaß zu ge- ben. ——— Die Kanzel ist ebenfalls sehr schön, die Goldverzierung daran ist eher zu reich, speziell angefochten wird der in Form eines

 

griechischen Kreuzes auf dem Schalldeckel befindliche Abschluß, indem von evangel. Sei- te betont wird, daß nachdem das Kreuz auf dem Altar und im Chor mehrfach vertreten, die Kanzel, welche gewissermaßen den Mittel- punkt des evangel. Gottesdienstes bilde, die- ses entbehren soll um ihr nicht einen speziell katholischen Charakter zu geben. Nach länge- rer und ruhiger Diskussion wird beschlossen. es sei Herr Holenstein zu ersuchen, einen an- dern, angeblich schon bereit gehaltenen Ab- schluß versuchsweise auf den Schalldeckel anzubringen. Diese Ausführung wird, nachdem Herr Holenstein sich unterdessen eingefun- den, sofort an Hand genommen und bei der nachher erfolgenden Abstimmung wird der neue Abschluß mit Mehrheit gewählt. — 3. Herr Holenstein, der betreffend die oben ge- rügten praktischen Mängel der Chorbestuh- lung interpelliert wird, betont, daß bei dieser vorzugsweise dekorativ wirkenden Anlage eine in jeder Richtung bequeme Sitzgelegen- heit nicht geschaffen werden könne, immerhin erklärt er sich bereit, die aufklappbaren Sitze nach vorne um 1 cm zu erhöhen. Die Kom- mission giebt sich damit zufrieden.» — Die Kommission bestimmte ferner: «4. Die Wie- derbenutzunq der Kirche zum Gottesdienst

 

wird definitiv auf Sonntag den 21. Dez. festge- setzt, die näheren Bestimmungen bleiben den konfessionellen Behörden anheimgestellt; von einer gemeinsamen Feier etwa am Sonntag Nachmittag wird Umgang genommen.»

 

Am 4. Februar 1903 kam die Baukommission nochmals zusammen, um die von der Subkom- mission und dem Architekten geprüften Rech- nungen zu genehmigen. Ohne weitere Bedin- gungen wurden folgende dem Pfleger zur Zahlung überwiesen: VonZimmermeister Keß- ler. Dachdecker Werner, Spengler Anton Ber- liat, Gipser Hehl, Glasmaler Meyner, Glaser Burgermeister, Schreiner Wihler in Veltheim, Schreiner W. Gubler und Germann, Schlosser Steiner in Frauenfeld, Plättlibodenlieferant Werner Graf in Winterthur, l-leizungskon- strukteur Boller und Wolf, Zürich, Mechani- ker Ernst 81 Cie., Ingenieur Carl Löhle in Zü- rich, Schmied Hauri, Altarbauer Holenstein in Wil und Bildhauer Schneebeli in Zürich. Nur bedingungsweise, mit Abzügen geneh- migt wurden die Fakturen des Maurers, von Gipser schroff und Schreiner Mast. Der ent- behrlich gewordene T-Balken wurde an Me- chaniker Ernst für 40 Franken verkauft und die alten gußeisernen Abfallrohre vom Turm

 

für den Verkauf auf Fr. 2.—— per Meter ge- wertet.

 

Die Kirchbaurechnung lag am 11.Mai zur Beratung vor. Sie wies an Gesamtausgaben den für jene Zeit stattlichen Betrag von ins- gesamt Fr. 36 851.12 auf. Auf den Neubau der Sakristei entfielen hievon Fr. 2074.56, die von der katholischen Kirchgemeinde zu decken waren. Somit hatte die paritätische Kirchge- meinde auf dem Steuerwege Fr. 34 776.56 auf- zubringen. Die Kommission hatte sich noch- mals mit dem Steinlieferanten Mattli in St. Margrethen zu befassen und eine Reparatur des Blitzableiters anzuordnen. da der Experte Brauchlin aus Wigoltingen an der Spitze des Kirchturmhelmes eine undichte Stelle ent- deckt hatte. Zur gleichen Zeit sollte auch der Stiefel unter der Kugel neu angestrichen wer- den. Die seit der Turmrenovation offenen Schallöcher waren nach einem weiteren Be- schluß nicht mehr mit Holzläden. sondern durch in Rahmen befestigte Drahtgeflechte abzuschließen. ——— Zu Handen der Gemeinde entschied die Baukommission sich für den Antrag, es sei zur Amortisation der Bauschuld eine jährliche Steuer von ein Promille zu er- heben. ‚

 

An der «Paritätischen Kircheinwohnerge- meindeversammlung» vom 17. Mai 1903 konn- te Pfarrer Kopp vor der Abstimmung über die Kirchbaurechnung den 180 Anwesenden mit- teilen, daß durch die Schenkungen im Betrage von Fr. 3745.40 die Schuld auf Fr. 31031.16 vermindert sei. ——— Nach der Genehmigung dieser Rechnung — ohne weitere Diskus- sion— konnten Gemeinde und Behörde sich wieder anderen Aufgaben zuwenden. Vorerst galt es an dieser Versammlung die Vorsteher- schaft neu zu wählen. Von den 28l Stimmbe- rechtigten (60 Jahre später: 506) nahmen na- hezu zwei Drittel an der Erfüllung ihrer Bür-

 

gerpflicht teil. Es wurden dabei bestätigt: Vor- steher Eigenmann in Langenhart, Posthalter und Schulpräsident Albert Keßler, Sekundar- lehrer Alois Kaiser und Armenptleger Hein- rich Kesselring. Im fünften Wahlgang wurde an Stelle des zurückgetretenen Kirchenpfle- gers W. Bridler erkoren Direktor Arnold Hal- ter-Alder in der Grüneck. Erst am 29.Dezem- ber 1903 konstituierte sich die Pflegkommis- sion, die nun auch den Fall Mattli erledigte. Die neue Gasbeleuchtung der Kirche erfreute nicht nur wegen der größeren Helligkeit und der einfacheren Bedienung, sie sorgte auch für unangenehme Ueberraschungen, indem durch einen während längerer Zeit unbeach- tet gebliebenen Gasverlust zusätzliche Kosten entstanden. über deren Verteilung man sich aber rasch einigte.

 

Schwierigkeiten bereitete ebenfalls die Hei- zung‚ indem nach jeweils zwei- bis dreirnali- ger Benützung der Rost ausgebrannt und un- brauchbar war. Man suchte den Fehler — und

 

wie sich später herausstellte mit Recht — bei der Kohle. —— Von einer damals nicht so selbstverständlichen Großzügigkeit zeugt fol- gender Eintrag im Protokoll: «Die Pflegkom- mission beschließt, dal3 bei etwaigen Beerdi- gung Erwachsener an Werktagen die Kirche ein wenig geheizt werden soll ohne daß den vom Leichenfall Betroffenen dafür Rechnung zu stellen ist.» — Der damaligen Kaufkraft des Geldes entsprachen die Löhne: «B) Die Entschädigung des Heizers wird pro Heizung (Abend- und Morgenheizung zusammen) auf Fr. 3.— festgesetzt,» ——

 

Der Nutzen von Versicherungen mußte je- nen fortschrittlichen Männern — die gerade das Erscheinen der ersten Motorfahrzeuge er- lebten — nicht lange erklärt werden. Darum konnte Aktuar Kesselring protokollieren: «9) Da die kathol. Konfession ihre Kultusgegen- stände gegen Feuerschaden versichert hat. beschließt die parität Kirchenvorsteherschaft ein Gleiches zu tun in Bezug auf Bestuhlung.

 

Kanzel, Harmoniurn etc. Der Contrakt ist mit der Versicherungsgesellschaft ‚Helvetia‘ ab- zuschließen und es ist die Angelegenheit Herrn Kaiser und Kesselring zur Ausführung übertragen.»

 

In Abwesenheit von Pfarrer Kopp und ohne den verstorbenen Vorsteher Eigenmann tagte die Behörde am 12.April 1904. Dabei teilte Pfleger Kesselring mit, «daß gegen den Schluß des Winters zum Heizen der Kirche Gas- Coaks benutzt wurde und zwar mit ganz gu- tem Erfolg indem bei dieser Feuerung ein Ver— brennen des Roostes nicht vorkomme. Kessel- ring wird beauftragt. den noch vorhandenen Vorrat an Hasard-Kohlen zu verkaufen event. mit Herrn Tanner ein Abkommen zu treffen um diese hier ungeeignete Kohle gegen Gas- Coaks einzutauschen.» _

 

Die Jahresversammlung der paritätischen Kirchgemeinde vom 8. Mai 1904 stand unter der Leitung des Vizepräsidenten Pfarrer Büh- ler. Zu den damaligen Versammlungsoeschäf-

 

ten gehörte jeweils auch das «verlesen der auswärtigen Stimmberechtigten». —— Die Rech- nung von 1903 schloß bei 85 610 Franken Ein- nahmen und 7175 Franken Ausgaben sowie 21825 Franken Passiven mit einem Reinver- mögen von 56 610 Franken ab. Dazu karn noch das Reinvermögen des zu jener Zeit (bis Ende 1955) bestehenden Friedhoffonds im Betrage von 5398 ‚Franken. Ferner existierten ein Lei- chenhausbaufonds von 1400 Franken und ein Harmoniumfonds von 189 Franken. — Für den verstorbenen Vorsteher Eigenmann wurde als neuer Vertreter von Langenhart in die paritä- tische Kirchenvorsteherschaft der neue Orts- vorsteher Emil Haubenschmid gewählt. An ihrer Sitzung vom 9. November 1904 erkor die Behörde an Stelle des weggezogenen Pfarrers Kopp dessen Nachfolger Pfarrer Högger zum Präsidenten. Die Pflegkommission wandte nun ihr Interesse dem Friedhof zu, bei dem damals schon eine Erweiterung fällig war. Dieses Vorhaben wurde noch gefördert durch ein Vermächtnis, worüber das Protokoll folgen- des berichtet: «3) Namens der Hinterlassenen der kürzlich verstorbenen Frau Wwe. Emst- Bridler macht ihr Sohn Herr Alb. Ernst-Späh- ler die schriftliche Mitteilung, daß sie zum Andenken an ihre Mutter der parität. Kirch- gemeinde für Erweiterung des Friedhofes eine Schenkung von fr. 600 zuwenden wollen, wenn die Ausführung unverzüglich an Hand genom- men werde.» —- Wir können hier. wie früher schon, auf die wiederum umfangreichen Ver—

 

handlungen und Beschlüsse über die mit einer Drainage und dem Bau des Leichenhäuschens verbundene Vergrößerung des Gottesackers, die sich bis Ende 1906 hinauszog‚ nicht weiter eingehen. Zwischen den Beratungen über die genannten Projekte gab die Mühlebachüber- deckung wieder einiges zu reden. Von diesem Gewässer, das direkt nördlich der Kirche vor- beifloß, drang immer wieder Wasser in den Heizkeller. wogegen man sich ebenfalls weh- ren wollte. Am 27. Dezember i906 — man kannte dazumal noch keine Weihnachtsferien! —- saß die Behörde beisammen und wählte den neuen katholischen Mesmer Albert Herzog. Limonadenfabrikant, zum Heizer als Nachfol- ger des zurückgetretenen Herrn Wlhler. Das Protokoll verrät auch, daß damals früh ein strenger Winter herrschte: «5) Da wieder ein- mal in Folge Ueberfließens des Mühlebaches der von Osten führende Fußweg zur Kirche überschwemmt und die Stelle bei der z.Zt. herrschenden Kälte in eine für Passanten ge- fährliche Eisdecke verwandelt wurde, ist Herr Bridler Sägereibesitzer zu ersuchen. die be- treffende Partie aufzupickeln.»

 

im Jahre 1907 fand eine einzige Sitzung statt, und zwar am 26. Februar. Folgende Ab- schnitte aus dem Verhandlungsbericht ver- dienen erwähnt zu werden: «6) Es wird bean- tragt und beschlossen, ein Teil der in beiden Fondationen (Kirchbau- und Friedhoffonds) ziemlich beträchtlichen Sparkassaguthaben zu höherem Zins anzulegen, etwa bei der Ortsge-

 

meinde für Wasserobligationen. 7) Um den durch das neue Steuergesetz stark betroffenen Steuerzahlern etwas entgegenzukommen wird die Kirchbausteuer von 1 p. Mile auf 0.8 her- abgesetzt. (Die damaligen Gesetzgeber ver- mochten offenbar noch Vorlagen mit größeren Anforderungen durchzubringen, während die heutigen Steuergesetze eher Entlastungen zu bringen haben.) 9) Herr Bridler, Sägereibesit- zer, hat gegen das Ausrinnen des Mühleba- ches östlich von der Kirche noch nichts getan; er soll gelegentlich wieder an seine Pflicht erinnert werden. 10) Die durch den Wegzug des Herrn Lehrer Brühlmann auf zwei Mit- glieder reduzierte Revisionskommission wird heute durch die Wahl von Herrn Vorsteher Steinmann (Langenhart) wieder auf drei er- gänzt.» Damit erfahren wir, da43 Lehrerwech- sel auch früher vorkamen und daß E. Hauben- schmid sein Amt als Langenharter Gemeinde- oberhaupt nach drei Jahren schon einem an- dern überlassen hat.

 

Aus dem Protokoll der paritätischen Kirch- gemeindeversammlung vom 26.April 1907 greifen wir folgende Sätze heraus: «5) Auf Anregung der Prüfungskommission soll der Gehalt des parität. Kirchenpflegers. der seit vielen Jahren immer nur 5 fr. beträgt, entspre- chend erhöht werden. Die Angelegenheit wird zur Prüfung und Antragstellung an die Be- hörde zurückgewiesen.» Bei den Erneuerungs- Wahlen wurde Vorsteher Steinmann als neuer Vertreter Langenharts in der parität. Kirchen-

 

vorsteherschaft erkoren. Man war in einer Zeit, da das «Huse und Spare» noch mehr Geltung besaß als heute, zu recht massiven Lohnerhöhungen fähig. Darum beschloß die Behörde am 4. März i908, der Gemeindever- sammlung für die Verwaltung der beiden Fon- dationen ein Fixum von 50 Franken zu bean- tragen. Für die schreibenden und lesenden Geschichtsfreunde muß die Stelle aus dem Sitzungsbericht abgedruckt werden: «5) Die hiessige Bürgerverwaltung hat vor Kurzem den Beschluß gefaßt. der nächsten Bürgerge- meinde zu beantragen, an den Druck der Ge- schichte Müllheims einen Beitrag bis auf die Höhe von fr. 200 zu verabfolgen, in dem Sinne, daß die parität Kirchgemeinde sich nicht nur in ähnlicher Weise an der Sache beteilige. sondern überhaupt die Durchfüh- rung an die Hand nehme, als diejenige Ge- meinde. welche in ihrer Vergangenheit den interessantesten Teil dieser Geschichte bilde. Die Angelegenheit wird heute in Beratung gezogen. allein die Kommission ist noch im Unklaren über die Finanzierung des Unter- nehmens. da das Werk verhältnismäßig um- fangreich und auf ca. 1600 fr. zu stehen kom- men soll. so daß bei dem kleinen Absatzgebiet allerhöchstens die Hälfte der Kosten aus dem Erlös des Buches gedeckt werden könnte. Die ganze Angelegenheit wird daher zum Zwecke genauerer Erhebungen an den Präsidenten Herrn Pfarrer Högger und Pfleger Kesselring zurückgewiesen.»

 

Am l2. April 1908 bewilligte die Mehrheit der Gemeindeversammlung die beantragte Verzehnfachung des Pflegergehaltes. An ihrer Sitzung vom 16. März 1909 gab die Behörde dem Pfleger den Auftrag, die Wand hinter dem Harmonium, welche bisher nur mit Leim- (arbe gestrichen war, mit Oelfarbe bemalen zu lassen, damit die Sängerinnen und Sänger ihre Kleider nicht mehr beschmutzen. Man be- schloß ebenfalls, auf der Kanzel einen Klapp- sitz anbringen zu lassen, um anschließend auf das letztjährige Traktandum betreffend die Geschichte Müllheims zurückzukommen. Der Aktuar schrieb darüber: «Herr Pfarrer Högger teilt das Ergebnis verschiedener Erkundigun- gen mit, die aber im Wesentlichen zu der {ni-

 

heren Erkenntnis führen. es sei der Druck des ganzen Manuskriptes in Folge seines Umfan- ges und des kleinen Absatzgebietes zu kost- spielig. Immerhin wäre es bedauerlich, wenn das zum Teil interessante und mühsam gesam- melte Aktenmaterial‚ das später kaum noch jemand zusammenzustellen die Mühe nehmen würde, verloren gehen sollte. — Es handelt sich zunächst darum durch ein Abkommen mit dem Verfasser in den rechtlichen Besitz des Manuskriptes zu gelangen. Nachdem von pri- vater Seite die Zusicherung gemacht wird zu Gunsten der Gemeinde für diesen Erwerb be- sorgt sein zu wollen, beschließt heute die Kommission, aus der vorhandenen, etwas schwer leserlichen Handschrift mittelst einer Schreibmaschine ein gutlesbares Exemplar er- stellen zu lassen, das dann gebunden dem Ge- meindearchiv einverleibt werde, um später eventuell geeignete Verwendung zu finden. Die Kosten hiefür, die nach eingeholten Er- kundigungen auf ca. I00 fr. zu stehen kommen. werden der paritätischen Kirchgemeinde über- bunden.» Die Gemeinde konnte sich anschei-

 

nend auch diesen bescheidenen Beitrag spa- ren, denn von der erwähnten Geschichte, die als Quelle für einen erheblichen Teil der Ar- beit diente. liegt nur die gebundene Hand- schrift vor, weil sich wohl niemand finden ließ. der das Werk abgeschrieben hätte. Die Bedenken gegen den Druck des Buches gelten auch heute noch. Eine Lokalzeitung. welche die historische Darstellung in ihre Spalten aufgenommen hätte. bestand leider noch nicht.

 

In den Jahren i910. 1911 und i912 beschäf- tigte sich die paritätische Kirchenvorsteher- schaft mit der Renovation der Einfassung um den alten Friedhofteil. Nur am 26.April be- faßte sie sich auch mit der Anlage bei der Kirche. Es war zur Zeit, da in unserem Lande das Netz der ersten Telefonleitungen gespannt wurde. Heinrich Kesselring schrieb darüber: «3) Laut Mitteilung des Telephoninspektors soll die der Straße nach führende Telephon- leitung im Oberdorf in gerader Richtung über die Anlage vor der Kirche gezogen werden. wobei eine kräftig wachsende Nordmanns- tanne entweder entfernt oder wenigstens ent-

 

spitzt werden soll. Da dieser Zierbaum eines der schönsten Exemplare der ganzen Anlage bildet, so hat der Präsident der parit. Pfleg- kommission gegen obige Verfügung prote- stiert. Eine Antwort darauf ist nicht erfolgt. Heute wird beschlossen. es sei der Protest Namens der parität. Pflegkommission zu er- neuern.» Im Protokoll vom 29.Februar 1912 wurde der Name des Nachfolgers von Pfarrer Bühler erstmals erwähnt: Pfarrer Alois Ruck- stuhl. An der paritätischen Kirchgemeindever- sammlung vom l9, Mai i912 protokollierte der Aktuar folgenden Satz: «Aus der Mitte der Versammlung wird der Antrag gestellt, es möchte die parität. Pflegkommission beauf- tragt werden, für die Anschaffung einer ent- sprechenden Kirchenorgel die einleitenden Schritte zu tun und einer späteren Kirchge- meindeversammlung darüber Bericht zu er- statten.» An der Sitzung vom 5. November des gleichen Jahres notierte H. Kesselring über das gleiche Anliegen: «In der heutigen Dis; kussion über diese Frage wird. unter Hinweis auf die gegenwärtige starke finanzielle Bela-

 

stung der Gemeinde, im Sinne der Verschie- bung votiert. Die augenblick iche Stimmung, an diese Sache heranzutreten, eidet überhaup. unter dem allgemeinen Druc: der z.Zt. au‘ der Geschäftswelt liegt und unter dem Einflut der am politischen Himmel Europas drohen- den Gewitterwolken. Die Orgelfrage wird da- her zunächst aufs Frühjahr verschoben.» —— Eine ähnliche wirtschaftliche und politische Stimmung erlebte die heute mittelalte Gene- ration ein Vierteljahrhundert später. —— ‚ Am 25. Februar 1913 entschied die Behörde, vorläufig nur den Orgelfonds zu äufnen und erst, wenn die nötige Summe beisammen sei, an die Ausführung des Orgelbaus zu treten. Am 2. September 1913’erklärte Pfarrer Högger den Rücktritt aus der Behörde, weil er einen Ruf nach Zürich angenommen habe. Am 6. März 1914 übertrug die Kommission dem‚_ neuen evangelischen Pfarrer Schühli das Prä- sidium. In der Sitzung vom 16.März 1915 iurfte die Behörde Kenntnis nehmen von ei- iem Legat von 2000 Franken für den Orgel- onds und von einer Spende von 200 Franken

 

für eine neue Turmuhr von der Familie Keller- Schmid. Weiter steht im Protokoll: «Der Or- gelfonds hat eine Höhe erreicht, welche die Anhandnahme der Ausführung eines solchen Werkes zuließe. Allein die Kommission ist einstimmig (er Ansicht. es sei, im Hinblick auf den groäen europäischen Krieg, dessen Ende und Fo gen z. Zt. noch gar nicht abzuse- 1en sind. der Gemeinde für dieses Jahr noch zeine derartige Vorlage zu machen.» -— Ein Jahr später, am 13.März 1916 beschloß die Vorsteherschaft, obwohl sich die Lage noch keineswegs gebessert hatte, Kostenberechnun- gen einzuholen und der Gemeinde die nötigen Vorlagen für eine Orgel zu unterbreiten. An der Versammlung der paritätischen Kirchge- meinde vom 7. Mai 1916, an welcher Otto Isen- ring und Lehrer Alfred Löhle als Stimmenzäh- ler funktionierten, stimmten die Kirchbürger dem Antrag der Behörde zu, «es möchte ihr seitens der Gemeinde der Auftrag erteilt wer- den, ein den Raumver iältnissen unserer Kir- che und auch der Hö 1e des Fonds entspre- chendes Orgelwerk ers „ellen zu lassen.»

 

Die Behörde entschied sich in ihrer Sitzung vom 26.Mai 1916 für die Offerte der Firma Kuhn in Männedorf. Deren Orgeln —— von denen sich einige Kommissionsmiiglieder ver- schiedene hatten vorspielen lassen —— gefielen durch den weicheren Klang, während die In- strumente der Firma Goll in Luzern. die zwar billiger waren und weniger Platz beanspruch- ten, wegen ihres schärferen Tones als unge- eignet betrachtet wurden. ——- Der anfangs No- vember begonnene Einbau des Werkes erforv derte einige zusätzliche Aendemngen auf der Empore und im Dachraum. wo Blasbalg und Elektromotor installiert wurden. Jener Orgel- einbau förderte zugleich eine andere wichtige Neuerung in der Kirche. wie es folgende No-

 

tizen aus dem Protkoll darlegen: «Da das Ge- bläse für die Orgel elektrisch betrieben wird, ist die Kommission einstimmig der Ansicht, daß bei der Zuleitung der Elektrizität in die Kirche darauf Bedacht genommen werde für eine in naher Aussicht stehende elektrische Beleuchtung der ganzen Kirche. Für den Spieltisch und die Empore ist jetzt schon auf eine ca. IOO-kerzige Halbwattlampe Bedacht zu nehmen. — Für den Verbrauch an elektr. Kraft ist wenn möglich eine Pauschalsumme mit der Ortsbehörde zu vereinbaren. Es sind zu diesem Zweck bei einigen Gemeinden dies— bezügliche Erkundigungen einzuholen.» — Als Experten für die Prüfung der fertig erstellten Orgel wurden Pfarrer Müller in Bürglen und Kaplan Kuhn in Frauenfeld eventuell Pfarrer Wick in Herdern in Aussicht genommen. — Während wir es heute als selbstverständlich betrachten. daß im Gotteshaus kirchenmusika- lische Konzerte durchgeführt werden. wobei trotz der Einladung an die ganze Bevölkerung erfahrungsgemäß kein Platzmangel zu be- fürchten ist. bestanden bei der damaligen Be-

 

hörde Hemmungen, eine gemeinsame Einwei- hungsfeier durchzuführen. Darüber schrieb der Aktuar: «4) Auf Sonntag den 19., späte- stens den 26.November ist die Orgel fertig erstellt und es wird in heutiger Sitzung darü- ber diskutiert ob und in welcher Form auf diesen Anlaß eine allgemeine öffentliche Ein- weihungsfeier, evtl. mit nachfolgendem Ban- kett, stattfinden soll. Der Gedanke an eine gemeinsame paritätische Feier ist im Prinzip schön, aber praktisch doch inopportun mit Rücksicht auf die Raumverhältnisse in der Kirche. Die Kommission beschließt daher, es sei von einer allgemeinen Feier und nament- lich im Hinblick auf die gegenwärtige Zeit (1.We1tkrieg. Der Verf.) auch von einem Bankett Umgang zu nehmen, dagegen sei an dem betreffenden Sonntag im Rahmen des ge- wöhnlichen Gottesdienstes die Orgelweihe von jeder Konfession gesondert vorzuneh- men.» — Aktuar H. Kesselring gab sich die Mühe, den ganzen Expertenbericht ins Proto- koll zu schreiben. Obwohl die beiden Pfarrer Müller und Wick «das Orgelwerk im Ganzen

 

als vorzüglich gelungen» bezeichnen, dürfen wir heute darauf verzichten, weiter auf dieses Dokument einzugehen. Denn das damals als so vorteilhaft gepriesene neue System der pneu- matischen Traktur bewährte sich nicht lange, und anstatt mehrere Jahrhunderte. wie z. B. die berühmte Fischinger Orgel, versah das Instrument kaum 34 Jahre lang seinen Dienst.

 

Ueber die Kosten für Anschaffung und Ein» bau der Orgel fehlt in den Protokollen eine Zusammenstellung. Sicher wurde dafür der Orgeltonds im Betrage von Fr. 8561.40 aufge- braucht. Außerdem wies die Rechnung für 1916 rund 8000 Franken mehr Ausgaben auf als in den Jahren vor— und nachher, so daß mit etwa 16 G00 Franken Gesamtauslagen zu rechnen war. (1950: Kostenvoranschlag für die zweite Orgel 72 700 Franken].

 

Aus dem Protokoll der Sitzung vom 23. März 1917 erwähnen wir folgendes: «5) Die katholische Kirchenvorsteherschaft erklärt sich bereit, das entbehrlich gewordene alte Kirchenharmonium zu Uebungszwecken für ihren Kirchenchor zu übernehmen zum Preise

 

von fr. 200.-. Das Angebot wird einstimmig angenommen. —— 6. Für den elektrischen Be- :rieb der Kirchenorgel, sowie die Beleuch- .ung des Spieltisches und des Pedals wird ‚ leute mit der Ortsbehörde eine Pauschalsum- me von fr. 30.- pro Jahr vereinbart.» An der Gemeindeversammlung vom 13. Mai 1917 wurde an Stelle des 1916 verstorbenen Sekundarlehrers Alois Kaiser dessen Schwa- ger Nationalrat Dr. Carl Eigenmann in die paritätische Kirchenvorsteherschaft gewählt. In den 29 Jahren, die A. Kaiser der Behörde angehörte, hatte er sich durch seine aktive Mitarbeit, sein unabhängiges Urteil und sein praktisches Wissen und Können ausgezeichnet. Die wenigsten Zeitgenossen, die heute die elektrische Kraft, die wir für die Beleuchtung, zum Kochen, Heizen, für den Betrieb von Ra- dio, Fernsehen, Staubsauger, Bohrmaschine

 

und alle anderen Apparate und Geräte so selbstverständlich brauchen, denken daran, daß noch kein halbes Jahrhundert vergangen ist, seit die Stromversorgung in unserer Ge- meinde eingerichtet wurde. So steht im Ver- handlungsbericht der paritätischen Kirchen- vorsteherschaft vom 18. Oktober 1917: «2) Nachdem die Ortsgemeinde Müllheim die Ab- ‘sc iaffung der Acetylenbeleuchtung und Ein- iüirung der elektrischen Beleuchtung be- sc 11ossen hat, ist diese Neuerung auch auf die öf entliehen Gebäulichkeiten zu erstrecken. Es liegt heute von lnstallatör Brauchli-Schmid ein Kostenvoranschlag vor für die elektr. Be- leuchtung der Kirche der unter Berücksichti- gung der bisherigen für die Acetylenbeleuch- tung benutzten Wandarme, auf fr. 381.40 zu stehen kommt, exklusiv Abbruch der alten Leitung. Der Kostenvoranschlag wird ohne

 

weiteres gut geheißen und im weiteren noch beschlossen es sei auch für den Läuteraum im Thurm und für die Kanzel am Schalldeckel diese Beleuchtung einzurichten.»

 

Am 21.Mai 1918 beschäftigte sich die Be- hörde wieder einmal mit dem hinter der Kir- che durchfließenden Mühlebach. Der neue Be- sitzer der «Sägi», -Ierr Peters aus Zürich, be- absichtigte nämlici zur besseren Ausnützung der Wasserkraft c as bisher offene Gewässer vom Weiher bis zum Geschäft in Zementröh- ren zu fassen. Er erkundigte sich, ob die pari- tätische Kirchgemeinde bereit wäre. sich mit einem Beitrag an den Kosten zu beteiligen. Die Vorsteherschaft besch oß nun, eine Sum- me von 400 Franken zu of erieren, was unge- fähr einen Drittel der Kos ‚en ausmache, wel- che das Fassen des Baches längs dem Areal der Kirchaemeinde verursacht.

 

Die Versammlung der paritätischenKirch- gemeinde vom 4. Mai i919 wurde von Pfarrer Ruckstuhl, dem Vizepräsidenten, geleitet. Die fünf weltlichen Mitglieder der Behörde: Vor- steher Steinmann, Langenhart, Nationalrat Dr. Eigenmann, Vorsteher Keßler, Pfleger H. Kes- selring und Oberstlt. A. Halter wurden damals in ihrem Amt bestätigt. Mit der offenen Wahl von Konrad Häberlin, Buchhalter, Oberlehrer Brenner und Gemeindeammann Alfred Pfister als Revisoren bewiesen die zahlreich anwe- senden Stimmbürger, daß sie für diese verant- wortungsvolle Funktion fähige und sachkun- dige Männer bevorzugten. Der Wunsch des evangelischen Mesmers Herzog-Früh, das Bet- zeitläuten zum Teil auf den katholischen Kol- ‚- legen zu übertragen, wurde der paritätischen » Kirchenvorsteherschait zur Prüfung überwie-

 

sen. Diese erhielt außerdem den Auftrag, auf ‚ „die nächste Versammlung ein Gutachten und

 

einen Kostenvoranschlag für die Erstellung einer neuen Kirchenuhr ausarbeiten zu lassen. Die Gemeinde nahm einen aus der Versamm- lungsmitte gestellten Antrag an, nach wel- chem der Rechnungsprüfungskommission eine bescheidene Entschädigung bezahlt werden soll. -— In der Zeit bis zur nächsten Sitzung der paritätischen Kirchenvorsteherschaft am 21. April 1920 vollzog sich bei beiden Konfes- sionen ein Wechsel der Seelsorger. G. A. Glinz ersetzte Pfarrer Schühli auf der evangelischen Seite, und am 20. Januar kam Pfarrer Johann Bornmer als Nachfolger des nach Fischingen gezogenen Pfarrherrn Alois Ruckstuhl zu den Katholiken Müllheims. In ihrer Konstituierung ernannte die Behörde Pfarrer Glinz zum Prä- sidenten und Pfarrer Bommer zum Vizepräsi- denten sowie H. Kesselring zum Aktuar.

 

In verschiedenen Sitzungen befaßte sich die paritätische Kirchenvorsteherschaft mit der Frage des Wochen- oder Betzeitläutens sowie mit der Turmuhr. In der Versammlung vom 30. Mai 1920 entschied sich eine Mehrheit der Kirchbürger für den Antrag der Behörde, es sei von der paritätischen Kirchgemeinde ein Beitrag von 300 Franken an die evangelische Mesmerbesoldung zu leisten. Dafür müsse Mesmer Herzog-Früh aber auch das seit einl- Cler Zeit unterlassene Betzeitläuten am Mor-

 

gen wieder besorgen. An der gleichen Tagung wurde ebenfalls beschlossen, eine neue Tunn- uhr installieren zu lassen, wofür ein Kredit von 5300 Franken gewährt wurde. Die Mehr- heit ‘erklärte sich für den Viertelstunden- schlag. — Der Auftrag wurde an Turmuhrfa- brikant Mäder in Andelfingen übergeben, der ein neues Werk zu 5060 Franken offeriert hatte mit Bronzerädem in Geh- und Schlag- werk und mit fünfjähriger Garantie.

 

An ihrer Zusammenkunft vom 10. Dezember 1920, nachmittags 2 Uhr, stellte die Behörde fest: «Heute ist die Uhr nun fertig erstellt und funktioniert bereits seit mehreren Tagen zur Zufriedenheit der Ortseinwohner. Die Kommissionsmitglieder nehmen Einsicht von dem schönen neuen Werk, das ihnen vom Montör in seinen wichtigsten Funktionen zu erklären versucht wird,. und das wirklich den Eindruck eines präzis funktionierenden soli- den Werkes macht. —-— Vom alten Uhrwerk, das seit 326 Jahren für Müllheim die Stunde geschlagen (1594) ist nur noch ein armseliges Häuflein altes Eisen zu sehen. ‚Das Alte fällt, es ändern sich die Zeiten . . K.» »

 

Anschließend wurde noch bestimmt. daß 4260 Franken sofort zu zahlen seien, «Fr. 800. veizinslich zu 5V: °lo und nach 5 Jahren zahl- bar, werden vorläufiq noch zurückbehalten.»

 

Dem Monteur wurde eine Gratiiikation von 40 Franken und dem Arbeiter Herzog eine solche von 10 Franken zugesprochen. Ferner beschloß man, «um den Zutritt der Läuterkna- ben zum Hammer- und Zeigerwerk zu verhin- dern, ist an entsprechender Stelle unter dem Glockenstuhl eine verschließbare Thilre anzu- bringen.» ‚

 

Zu einem andern, schon viel besprochenen Thema schrieb der Aktuar: «Nachdem nun die Röhrenleitung im Mühlebach endlich zuge- deckt wurde und es nun möglich ist, nördlich und östlich von der Kirche eine bessere Ord- nung herzustellen, ist mit Herrn Emil Bridler zu unterhandeln betreffend Erwerb resp. Ueberlassung des sog. Löwengärtchens um dann auf das Frühjahr die nötige Bepflanzung vornehmen zu können.» — An den Sitzungen vom 18.April und 18.Juli 1921 wurde u. a. nochmals über das sog. Löwengärtchen bera- ten. Am 28. Oktober konnte H. Kesselring dar- über folgendes protokollieren: «Laut heute vorliegendem Kaufbrief ist nun das sgn. ‚Lö- wengärtchen‘, östlich von der Kirche durch Schenkung des bisherigen Besitzer Herrn Emil Bridler, definitiv an die parität. Kirchgemein- de übergangen und grundbuchamtlich geord- net.» —- Damals wurde auch entschieden, dal3 man auf das Wiedereinführen der sog. Sylve-

 

sterfeiern in der Kirche, die während fast 50 Jahren Brauch waren, verzichten wolle, nach- dem man schon in den Kriegsjahren aus ver- schiedenen Gründen die Durchführung abge-

 

brochen hatte. Wie ein Märchen aus alter Zeit erscheint

 

uns heute der Satz im Protokoll vom 22. März 1922: «Im Hinblick auf den ziemlich großen Vorschlag den der Kirchbaufonds aufweist soll in diesem Jahr von einer paritätischen Steuer Umgang genommen werden.» In der gleichen Sitzung wurde auch beschlossen, die Garantiesumme von 800 Franken an die Firma Mäder in Andelfingen zu bezahlen, da die neue Kirchenuhr tadellos funktioniere und da man in die Zuverlässigkeit und Vertragstreue des Geschäftes Vertrauen haben dürfe. Zur gleichen Zeit mußte sich die Behörde mit der Frage- befassen, wer den Friedhof möglichst gut und billig besorgen soll, denn der alte Friedhofgärtner‘ Heß war im Sommer 1921 gestorben. Durch die Aenderung in der Bevöl- kerungszusammensetzung sah man sich auch gezwungen, die Anteile an der Gottesacker- fläche unter den beiden Konfessionen neu zu verteilen. So mußte den Katholiken anstelle des bisherigen Viertels ein Drittel zugewiesen werden. —— Am 30.März 1923 übertrug die Pflegkommission das Amt des Friedhofgärt- ners an Jakob Fischer-Klemenz gegen eine jährliche Entschädigung von 500 Franken, die zwei Jahre später auf 600 Franken erhöht wurde. Am 8. März 1927 schrieb Heinrich Kes- selring sein letztes Sitzungsprotokoll der pa- ritätischen Kirchenvorsteherschaft, und am 15. Mai des gleichen Jahres folgte sein letzter Bericht über die Verhandlungen der paritäti- schen Kirchgemeinde. An diesem Tage machte Herr Pfarrer Bommer die Kirchbürger auf den verstaubten und rußigen Zustand des Kirchen-

 

innern aufmerksam.

 

Von Richard Lbhle, Müllheim

 

Es geziemt sich, an dieser Stelle des Man- nes zu gedenken, der während 31 Jahren der Paritätischen Kirchgemeinde als Vorsteher, Aktuar und Pfleger gedient hatte. Heinrich Kesselring, der 1856 in seinem Heimatort Müllheim als Bauemsohn geboren wurde, war eine der seltenen Persönlichkeiten, die sich trotz mangelhafter Schulung durch Fleiß und Tüchtigkeit zu einer geachteten Stellung em- porarbeitete und dabei eine feine Herzensbil- dung pflegte. Für den zarten Knaben, der we- nig begabt schien, bedeuteten die Schuljahre

 

mit den damaligen harten Erziehungs- und Lehrmethoden eine Leidenszeit. Erst nachher, in den freien Stunden neben seiner Tätigkeit auf dem väterlichen Betrieb, erwachte in ihm der Lemeifer, mit dem er das nachholte, was er in der Schule an Wissen und Können nicht erwerben konnte. Seine Freude an der Natur bestimmte auch seinen Beruf. Er wurde ein homöopathischer Arzt. — Außer den genann- ten Aemtem übertrugen ihm die Müllheimer Stimmbürger auch diejenigen des Schulpfle- gers und des evangelischen Armenpflegers so- wie andere, die er alle mit Liebe. Zuverlässig- keit und Sachkenntnis versah. Die Erinnerung an die markante Gestalt mit dem gütigen, ver- ständnisvollen Wesen bleibt bei allen. die ihn gekannt haben, bestehen. Die loyale Mitarbeit des am 10. Februar Verstorbenen wurde an der Kirchgemeindeversammlung vom 3. Juni

 

1928 vom Vorsitzenden, Vizepräsident Pfarrer Bommer‚ gewürdigt. Mit einem Legat von 2000 Franken hatte Heinrich Kesselring außerdem den Grundstock zu einem Glockenionds ge- stiftet. Die Errichtung eines solchen war schon vor etlichen Jahren vom evangelischen Mes- mer Herzog-Früh angeregt worden. -—- An die- ser Versammlung wählte die Gemeinde als neuen paritätischen Kirchenvorsteher und Pfle- ger Schneidermeister Ernst Wende]. — In der vorangegangenen Sitzung der paritätischen Kirchenvorsteherschalt am 27. Februar hatte Pfarrer Glinz des verewigten Aktuars gedacht. Vorsteher Keßler übernahm damals interims- weise die Aufgabe des Kassiers. Es wurde da- mals ebenfalls beschlossen. bei der Gemeinde einen Kredit für die Innenrenovation der Kir- che einzuholen. —— Am 2. Juli bestimmte die Behörde das neu erkorene Mitglied E. Wende}

 

als Aktuar. Die anwesenden Herren erklärten sich mit Vizepräsident Pfarrer Bommer einig, daß zur technischen Leitung und fachmänni- schen Gestaltung der Renovation ein Archi- tekt beigezogen werden soll. Unter drei Na- men erhielten die Herren Kaufmann und Frei- enrnuth in Frauenfeld den Vorzug. Schon am 30.Juli traf man sich wieder, und zwar mit dem eingeladenen Architekten Kaufmann in der Kirche, der seine Vorschläge zur Erneue- rung darlegte. Am 2. Dezember 1928 wurde der Antrag und das Projekt zur Kirchenreno- vation der paritätischen Kirchgemeinde vor- gelegt und erklärt, daß die Arbeit erweitert werden mußte. da die Täfer zum Teil schad- haft seien und der Architekt eine gesamthafte Erneuerung empfehle. Der Kostenvoranschlag laute auf 10600 Franken. Die Ausführung sei auf das Jahr 1929 verschoben worden.

 

Die Versammlung stimmte dem Projekt der Firma Kaufmann und Freienmuth zu und ge- währte den nötigen Kredit. An der Sitzung vom l4. Januar 1929 waren zusätzlich Archi- tekt Kaufmann und Lehrer Walter König an- wesend, Als Zeitspanne für die Renovation wurden auf den Rat von Herrn Pfarrer Bommer die Wochen zwischen Pfingsten und Bettag bestimmt. Der Architekt besprach mit der Be- hörde die Details zum Erneuerungsprojekt. Wir können hier verzichten, mehr über das- selbe zu berichten, da das heutige Aussehen des Kircheninnem —— mit Ausnahme der Wän- de des Schiffes —— auf jene Renovation zurück- geht. Mit W. König wurde die Orgelirage be- sprochen; denn das damalige Instrument konnte den begabten Musiker nicht befriedi- gen. Die Behörde erklärte sich vorläufig nur damit einverstanden. daß vom Experten Bie- dermann in Amriswil ein Gutachten verlangt

 

werde. Dieses lag in der folgenden Zusammen- kunft der paritätischen Kirchenvorsteher- schaft vor. Diese wollte aber auf die darin enthaltenen Vorschläge nicht eingehen und der Gemeinde nur eine Reinigung und Neu- stimmung der Orgel beantragen. In diesem Sinne entschied auch die Gemeindeversamm- lung vom 28. April. Am 6. Juni wurden die Aufträge an die Unternehmer und Handwer- ker vergeben. Als Gottesdienstraum für beide Konfessionen diente während der Renovations- dauer der zur «Sägi» gehörende damalige Turnschopf mit dem lohbedeckten Boden. In zahlreichen Besichtigungen und Besprechun- gen beeinilußte die paritätische Kirchenvor- steherschait die Arbeit, zum Teil auch unter Zuziehen der konfessionellen Behörden. Als die Erneuerung im Oktober 1929 beendet war, gefiel wohl den meisten Gotteshausbesuchem das nun in satten Farben prangende lnterieur der Kirche. Gelb war das Schiff und dunkel- purpurrot ist heute noch der Chor. Der Stil und der Geschmack haben sich seither wieder geändert, und so wundert es heute niemand, wenn vielen Leuten das Werk der Restaura- toren von 1929 nicht mehr gefällt. Am wenig- sten bewährte sich die dunkelbraune, wachs-

 

haltige und darum matte Farbe, mit welcher die Bänke und die Täter angestrichen worden

 

waren.

 

Am l8. März 1930 präsidierte Pfarrer Gustav Glinz zum letzten Mal eine Sitzung der paritä- tischen Kirchenvorsteherschaft und am 6. April darnach fand die letzte von ihm gelei- tete Gemeindeversammlung statt. Verhand- lungsstoff bildete außer den Jahresgeschäften das schon seit längerer Zeit aktuelle Wochen- geläute sowie die regelmäßige Reinigung der Kirche, die für die Zeit nach der Renovation von Herrn Pfarrer Glinz empfohlen worden war. Dieser hatte sich in seinem zehnjährigen Wirken in Müllheim wegen seiner oekumeni- schen Einstellung die Achtung der katholi- schen Minderheit und der gleichgesinnten Glaubensgenossen erworben, während er bei einem Teil seiner reformierten Mitchristen auf wenig oder kein Verständnis stieß.

 

Die Sitzung derVorsteherschaft vom l2. Mai 193l wie auch die Jahresversammlung der Gemeinde standen unter der Leitung des Vize- präsidenten Pfarrer Bommer. Ueber die Wahl- bestimmungen bestanden zeitweise Ungewiß- heilen. So erinnerte Nationalrat Dr. Eigen- mann an das Gesetz, welches vorschreibt, daß

 

der Präsident und der Pfleger durch die Ge- meinde zu wählen sei. während vorher die Meinung bestand, daß die Behörde allein den Vorsitzenden bestimme.

 

Die paritätischen Kirchbürger bestätigten in den Wahlen an der genannten Versamm- lung die bisherigen weltlichen Mitglieder der Vorsteherschaft und erkoren als neuen Praisi- denten den neuen evangelischen Pfarrherm Oto Müller mit 82 Stimmen. während Herr Pfarrer Bommer mit 50 Votanten einen be- merkenswerten Achtungserfolg erzielte. Auch in die Prüfungskommission wurden mit Dr. J.Goldinger‚ Lehrer F. Huser und Hptm. A. Truninger, heute noch wohlbekannte Persön- lichkeiten, gewählt.

 

Damit sind wir der Gegenwart nahe gerückt. und die Rücksicht auf die noch im Leben und zum Teil in den Aemtern stehenden Männer gebietet, im folgenden Abschnitt das sie be- treffende nur kurz zu streifen und vor allem die in diesem letzten Zeitraum vollbrachten großen Anschaffungen und Bauten zu erwäh- nen. Damit werden ja auch die ansehnliche Arbeit, welche die Gemeinde. die Behörde und deren Präsident dabei geleistet haben, gewür- digt und anerkannt.

 

 

 

 

 

Als eine Per-lade großer Erneuerungen

 

darf die Zeit von 193l bis heute jetzt schon bezeichnet werden. Sie ist und bleibt eng ver- bunden mit dem Namen des Präsidenten und des Vizepräsidenten der paritätischen Kirch- gemeinde in diesen Jahren, Pfarrer Otto Mül- ler und Pfarrer Johann Bommer. Der letztere gab ja bereits den Anstoß zur Innenrenova- tion der Kirche im Jahre 1929.

 

Die gleichen Jahre waren ja auch Weltpoli- tisch sehr bewegt. Die Unruhe. welche durch eine wirtschaftliche Krise ausgelöst worden war. in Italien die Machtübernahme durch den Fascismus Mussolinis und in Deutschland die Ablösung der unterhöhlten Weimarer Re- publik durch die nationalsozialistische Dikta-

 

tur bewirkt hatte, beeinflußte auch das öffent- liche Leben in der Schweiz. Die Arbeitslosig- keit eines Teils der Bevölkerung veranlaßte Staat und Gemeinden, durch Bauaufträge die erwerbslosen Arbeiter und Angestellten zu beschäftigen. Die Staatsstraße durch das Dorf erhielt damals ihren Belag und die Bachläufe zwängte man in die häßlichen Betonsohlen. Die paritätische Kirchgemeinde brauchte nach der Innenrenovation des Gotteshauses wieder eine Erholungspause, in welche dafür einige personelle Aenderungen in der Vorsteher- schaft fielen.

 

Anno 193i starb Dr. h. c. Carl Eigenmann. der bis in sein hohes Alter von über 80 Jahren der Behörde als tätiges Mitglied angehört hat- te. An der Gemeindeversammlung vom 1. Ma? 1932 wurde der katholische Arrnenpfleger An- ton Eigenmann als neuer paritätischer Kir- chenvorsteher erkoren. Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Besoldung des Pflegers von 50 auf 100 Franken erhöht.

 

An der Sitzung vom 9. März 1933 wurde der Nachfolger von Gärtner Nytfenegger, Hans

 

Mathys zum neuen Friedhofgärtner ernannt. An der Jahresversammlung vom 7. Mai 1933 unterrichtete der Vorsitzende die Gemeinde über einen Kostenvoranschlag von 300 Fran- ken von Schmiedmeister Karl Herzog für die dringende Reparatur der Glockenlager. An der Versammlung vom i3. Mai 1934 mußten für die weggezogenen Herren Oberstlt. A. Halter und Anton Eigenmann neue Behördemitglieder gewählt werden. Als solche wurden bestimmt Zivilstandsbeamter Heinrich Wepf und J. Frei- Noirjean. An der Gemeindeversammlung vom 26. Mai 1935 wurden zum letzten Mal die Er-

 

neuerungswahlen nach dem alten System

 

durchgeführt; denn die Versammelten stimm-

 

ten nachher einem Antrag von Jakob Halter- Ernst zu, nach welchem die Urnenwahl einge- führt wurde.

 

Die Sitzungen und Gemeindeversammlun- gen der folgenden Jahre behandelten keine außergewöhnlichen Geschäfte. [937 wurde die Bemessung des Steuerfußes in Prozenten ein- geführt. Dem vorherigen Ansatz von 0.3 96c. entsprach nun der neue von l2″/o. Mesmer

 

Herzog-Früh benützte die Umfrage in der Ver- Sammlung vom 24. Mai, um die Glockenfrage mit seinem Votum nicht in Vergessenheit ge- raten zu lassen. Am 5. April 1938 beschloß die Behörde, einen neuen Liedertafelständer an- zuschaffen. In der Versammlung vom 1. Juni konnte der Vorsitzende ein Legat von 1500 Fr. für die Kirchturm – Renovation verdanken. Die Gemeinde stimmte damals dem Antrag zu, auf dem Friedhofweg einen Belag einzubauen. In diesem, Jahr starb Ortsvorsteher Albert Keßler. der während 47 Jahren der paritäti- schen Pflegekommission angehört hatte

 

Am 3. November befaßte sich diese zusam- men mit der Orts- und der Schulbehörde mit der Neugestaltung der Kirchanlage, was mit ‚der Erstellung eines Trottoirs längs derselben nötig wurde.

 

Am l3. Juli 1939 -— im I.andesaussleIlungs- jahr und kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges —— erhöhte die paritätische Kirchv gemeinde den Steuerfuß auf 20 Prozent. In den Emeuerungswahlen wurde an Stelle des ver- storbenen Kommissionsmitgliedes ArKeßler

 

Direktor F. A. P alter in die Behörde gewählt. Am 29.Juli 19A 0 gewährten die Kirchbürger den Kredit für die Installation einer Schwer- hörigen-Anlage in der Kirche. In der Sitzung vom 28.Mai 1942 einigt sich die Vorsteher- schaft darauf, bei der Firma Vago eine Offerte für die Außenrenovation von Kirche und Turm zu verlangen sowie eine gründliche Revision der Orgel vornehmen zu lassen. Am 7. und l3. Juli beschäftigte sich die Behörde noch- mals mit der Erneuerung des äußern Verput- zes. Mit der Leitung dieser großen Arbeit soll _ Architekt Kaufmann in Frauenfeld beauftragt J wen en. Am gleicien i3. Juli bewi ligten die Kin: rbürger den gewünschten Kret it von Fr.

 

20 000.—— für die Außenrenovation von Kirche und Turm. Die Besoldung des Mesmers für das Wochengeläute wurde von 350 auf 400 Fran- ken erhöht. — Ueber Detailfragen während der Bauarbeiten wurde am 2. September und am 3. Oktober beraten und entschieden. In der Jahresversammlung vom 14. Juli 1943 würdigt der Präsident das Gelingen der Renovations- arbeiten an der Kirche.

 

Schon am 23. Mai 1944 wurde das Gehalt für das Wochengeläute um weitere 50 Fr. er- höht, die Besoldung des Pflegers von 150 auf 200 Fr. Verbessert. In der ersten Gemeinde- versammlung nach Kriegsende, am 10. Juli 1945 stimmte die Gemeinde dem Ankauf von

 

1748 m“ Land für 5394 Franken zu, womit eine weitere Friedhofvergrößerung ermöglicht wur- de. —— Am 5. September 1946 erklärte sich die Gemeinde mit einer Ermäßigung des Steu- erfußes auf 15 Prozent einverstanden. Als eine Folge der raschen Geldentwertung mußten wiederum Besoldungserhöhungen bewilligt werden. Schon in der Sitzung vom 22. August 1946 hatte der Vorsitzende die andern Behör- demitglieder auf den seit längerer Zeit beim Läuten der kleinen Glocke zu hörenden Miß- klang aufmerksam gemacht. Er konnte bereits ein Gutachten der Glockengießerei Rüetschi in Aarau vorlegen.

 

Die kleine Glocke wies einen Riß auf und der zweitgrößten drohte die Gefahr, einen solchen zu bekommen. Es lagen auch schon Kosten- berechnungen für ein neues Geläute vor. Am 3. September tagte die Pflegkommission zu- sammen mit dem Experten Pfarrer Rohrer aus Arbon und Ingenieur Bär von der Glocken- gießerei Rüetschi in Aarau. An der bereits er- wähnten Gemeindeversammlung vom 5. Sep- tember wurde auch beschlossen, vom Gesamt- vorschlag des Kirchenfonds 12000 Franken dem erst Fr. 3607.25 enthaltenden Glocken- fonds zu überweisen. Ueber weitere Detailfra- gen beriet und entschied die paritätische Be- hörde am 22. Oktober, am 7. und 22. November i946. Am 24. November kam eine große Zahl von paritätischen Kirchbürgern im Gotteshaus zusammen, um nach gründlichen Erläuterun- gen des Vorsitzenden und bewegter Diskus- sion mit dem stattlichen Mehr von 165 Votan- ten den -— wenn nicht wertmäßig, so doch nach der Zahl —— höchsten Kredit von 77 000 Franken für ein neues Geläute zu bewilligen. Gleichzeitig wurde der Behörde die Kompe- tenz erteilt. der Firma Rüetschi den Auftrag dafür zu übertragen. In weiteren Sitzungen

 

am 12.Dezember 1946, 4. und 20. März 1947 beschäftigte sich die paritätische Kirchenvor- steherschaft mit den Fragen des Ausbaues der Glockenstube, Erweiterung der Schallö- cher, Anpassung des Schlagwerkes der Uhr, elektrische Installationen, Sammlung von frei- willigen Beiträgen. Am 15.April wurde die Bauleitung für die Arbeiten am Turm dem Architekturbüro Kaufmann und Bossert über- geben, die Einladungsliste für die Teilnehmer am Glockenguß —— am 24.April — bereinigt und die Organisation des Glockentages mit Abholen am Bahnhof, Weihe und Aufzug in den Turm vorbereitet sowie der 10.Mai als Datum für diesen seltenen Anlaß bestimmt. Am Sonntag den 27. April stellte die Behörde gemeinsam mit den Präsidenten und Leitern der Musikgesellschaft und der Gesangsvereine das Programm für die Feier auf und bestellte ein Organisationskomitee. Mitten in den Vor- bereitungen für den festlichen Tag reichte der kränklich gewordene Pfleger und Aktuar Ernst Wendel seinen Rücktritt ein. Von der letzten Sitzung, an welcher er teilnahm—_am 8. Mai- liegen nur noch die stichwortartigen Notizen für das Protokoll vor. —

 

Allen, welche am Glockenguß und am Ab- holen und Aufzug des Geläutes teilnehmen konnten, bleiben jene beiden Tage in guter Erinnerung. Sie gehören ebenso zur Geschich- te wie die Verhandlungen und Beschlüsse in der Vorsteherschaft und der Gemeinde. Wäh- rend am Glockenguß in Aarau nur etwa hun-

 

dert Auserwählte teilnehmen durften, gestal- tete sich der Glockentag vom l0. Mai zu einem Volksfest, an welchem nicht nur die Einwoh- ner von Müllheim, sondern viele Zuschauer aus den Nachbargemeinden teilnehmen. —- An der Jahresversammlung vorn 27. Mai 1947 würdigte der Präsident die Verdienste des zurückgetretenen Pflegers E. Wendel, der sei- nerseits fiir das ihm während fast 20 Jahren geschenkte Vertrauen dankte. An jenem Tage wurde als dessen Nachfolger der heute noch amtierende Heinrich Gattiker-Huber als pari- tätischer Kirchenvorsteher sowie als Pfleger gewählt.

 

Geläute und Uhrwerk bildeten nochmals Verhandlungsstoff der Vorsteherschaftssitzun- gen vom l7. Juli und 1. September. Die elek- irischen Antriebsmotoren für die Glocken wa- ren kurz vorher eingetroffen. Man beschloß, der Bevölkerung Gelegenheit zu bieten, am folgenden Samstag und Sonntag die Glocken und die gesamte dazugehörende neue Einrich- tung zu besichtigen und die offizielle Ab- nahme des Geläutes auf Sonntag den 7. Sep- tember festzusetzen. — Von den vier alten Glocken, die zusammen 1850 Kilogramm wo- gen, hatten die zwei noch gut erhaltenen in einem besonderen Gerüst östlich des Turmes als Notgeläute gedient. Sie konnten der evan- gelischen Kirchgemeinde Kronbühl verkauft werden. Das neue fünfteilige Geläute mit den Tönen h, dis, fis, gis, ais wiegt dagegen 6030 Kilogramm. Die größte Glocke ist mit nahezu

 

zwei Tonnen schwerer als das ganze alte Ge- läute. Die zweitgrößte gehörte zum Glocken- spiel an der Landesausstellung 1939 in Zürich und genießt daher als sog. «Landiglocke» die besondere Sympathie jener, welche jene groß’- artige Schau noch im Gedächtnis besitzen. Schon in der folgenden Jahresversammlung vom 22.Juni 1948 galt es, den unterdessen verstorbenen alt Pfleger Wendel zu ehren. Als Hauptposten standen in der Rechnung die neuen Glocken, die zusammen mit dem elek- trischen Antrieb, der Anpassung des Uhrwer- kes und dem Ausbau der Glockenstube auf Fr. 94 601.18 zu stehen kamen. Dank dem stattlichen Sammlungsergebnis von 25 400 Fr. konnte die Schuld so niedrig gehalten werden, dal3 keine Erhöhung des Steuerfußes nötig wurde. —- Während die Gläubigen nun mit machtvollen und harmonischen Glockenklan- gen zum Besuch der Gottesdienste eingeladen wurden, wurden jene immer mehr enttäuscht, wenn sie die Orgel hörten, die schon im fol- genden Jahr mit Pfeifen. Quitschen und Heu- len peinliche Situationen hervorrief. So fand der Organist beider Konfessionen. Walter KÖ- nig, in seinen Mahnungen nach einem neuen Instrument willigere Ohren. Schon in ihrer Sitzung vom l4. Dezember 1948 erklärte sich die Vorsteherschaft damit einverstanden, die alte Orgel vom bekannten Experten Musik- direktor Karl Matthäi in Winterthur begut- achten zu lassen.

 

Eine ausführliche Orientierung über den Zustand der Orgel und die Vorbereitungen für eine Neuanschaffung erhielten die Kirchbür- ger am 26. Juli 1949. Die Erstellerin selbst, die Firma Kuhn AG in Männedori, bemerkte, dab sich das pneumatische System nicht bewährt habe und riet von einer teuren Reparatur ab. Im gleichen Sinne äußerte sich Experte Karl Matthäi. Es wurde beschlossen, einen Orgel‘ fonds zu gründen mit einer Einlage von 5000 Franken. Dank verschiedenen Veranstaltungen der beiden Kirchenchöre, einem Geschenk und weiteren Einnahmen wuchs das Fondsvermö- gen innert einem Jahr auf l1 541 Franken an. So durfte sich die Behörde mit berechtigtem Optimismus in der Zwischenzeit mit weiteren Vorbereitungen beschäftigen, so vor allem am LJuni 1950. Sie konnte eine Eingabe der bei- den Kirchenchöre. eine Offerte der Firma

 

Kuhn AG nach den Dispositionen von Karl Matthäi zur Kenntnis nehmen.

 

Gleichzeitig mit der Orgelfrage wurde auch das Heizungsproblem akut. Die Warmlufthei- zung aus dem Jahre 1902 erwies sich je länger je mehr als unrationell und unzweckmäßig. Die Heißluft, welche aus dem Schacht im Mit- telgang kam, stieg fast unverteilt in die Höhe und staute sich auf der Empore, wo sie schä- digend auf Orgel, Holz- und Mauerwerk ein- wirkte. Davor wollte man das neue Instrument schützen und erkundigte sich nach der besten Lösung. So lag bei dieser Sitzung vom 1. Juni 1950 auch eine Offerte der Therma AG, Schwanden, für eine elektrische Fuß-Schemel- heizung vor.

 

Seitdem sich die verschiedenen politischen Gruppen im Dorf zu eigentlichen Parteien or- ganisiert hatten und das öffentliche Gesche- hen im Dorf einzeln und gemeinsam beeinfluß- ten, erreichten sie auch in der paritätischen Kirchgemeinde, daß den Stimmbürgern große Vorhaben in einer gedruckten Botschaft un- terbreitet wurden. Das geschah nun erstmals mit der Orgelbauvorlage. So bereinigte und genehmigte die Behörde den Text für Be-

 

gründung des Antrages, Kostenvoranschlau

 

und Tilgungsplan. Eine weitere Zusammen- kunft am 27. Juni galt nochmals der Heizungs- und Orgelfrage und vor der Gemeindever- sammlung am 20. Juli erklärten sich die an- wesenden Kcmmissionsmitglieder bereit. ei- nem Wunsch der Freisinnigen Partei auf Erhö- hung der Zahl der Rechnungsrevisoren von 3 auf fünf sowie die Wahl derselben und der Urnenoffizianten durch die Urne zu entspre- chen. Die Kirchbürger nahmen diesen Antrag an, nachdem sie vorher mit großem Mehr dem rege diskutierten Orgelprojekt zugestimmt hatten.

 

Weitere Sitzungen waren sowohl der Kir- chenheizung wie der Beratung des Friedhof- reglementes gewidmet, am 8. Mai kam die Festsetzung des Datums der Erneuerungswah- len und die Vorbereitung auf die Jahresver- sammlung dazu. Heinrich Wepf, der seit i934 der paritätischen Kirchenvorsteherschaft ari- gehört hatte, erhielt am Wahltag vom 20. Mai in Emil Münger einen Nachfolger.

 

Schon am l0. April hatte sich die Behörde für eine elektrische Fußschemelheizung ent- schieden. weil die Einfachheit der Bedienung. die geringeren Unterhaltsansprüche und die niederen Betriebskosten den hohen Anschaf-

 

fungspreis aufwogen. Auch über diese Vor- lage arbeitete die Vorsteherschaft eine Bot- schaft aus, die im gleichen Heft mit Rechnun- gen, Budget und Friedhofreglement den Kirch- bürgern zum Studium übergeben wurde. Die Versammlung vom 21. Juni nahm die Würdi- gung des alters- und krankheitshalber zurück- getretenen Kommissionsmitgliedes H. Wepf durch den Vorsitzenden zur Kenntnis und be- willigte oppositionslos den Kredit von 21240 Franken für die Heizung, deren Ausführung am 5. Juli der Firma E. Eigenmann übergeben wurde.

 

In der Zeit nach Pfingsten wurde die alte Orgel abgebrochen und am 13.Juli konnte durch die Behörde schon das neue Instrument abgenommen werden. Musikdirektor Matthäi prüfte das neue Werk in virtuosem Spiel und gratulierte anschließend sowohl der Erstelle- rin (Firma Kuhn AG) wie auch der Besitzerin zu dem Werk, das im ganzen —— mit 24. Regi- stern —— 72 700 Franken beanspruchte. Mit einem gediegen zusammengestellten Konzert- programm wurde am Sonntag den 26. August 195l unter der Leitung von Walter König die neue Orgel eingeweiht.

 

Für den erkrankten Karl Matthäi spielte Siegfried Hildenbrand, der heutige Domorga- nist in St. Gallen, das Instrument. Als Violin- solist wirkte Denkmalpfieger Dr. h. c. Albert Knöpfli mit, und die Gesänge wurden von den beiden Kirchenchören und Schülerinnen der Primarschule dargeboten. — Am 21.August beschloß die paritätische Kirchenvorsteher- schaft. die Innenwände des Kirchenschiffs ab- waschen und neu anstreichen zu lassen, da diese unansehnlich geworden waren und auch durch das Ausbrechen von Kanälen für die Zuleitung der Heizung unschöne Flicke em» standen und da diese Erneuerung nur etwa 800 Franken kostete. Nachdem die Ortspap teien die Wiedereinführung von Budgetge—

 

meinden angeregt und erreicht hatten, ver- sammelten sich die Kirchbürger am t1.Fe— bruar 1952. um dem am 15.Januar 1952 von der Behörde vorbereiteten Voranschlag zu ge- nehmigen. In diesem war wiederum eine Be- soldungserhöhung für die Funktionäre vor- gesehen. Die bereits ausgeführte kleine Innen- renovation erhielt die nachträgliche Zustim- mung durch die Gemeinde. In drei weiteren Sitzungen befaßte sich die Pflegkommission mit der Anschaffung eines Kokosläufers für die Kirchengänge und eines Staubsaugers, sowie mit der Prüfung der Jahresrechnung 195L Am 18. Mai 1952 fand wieder ein Orgel- konzert statt, bei dem nun der Schöpfer der Disposition, Karl Matthäi aus Winterthur, mit- wirkte. In der Gemeindeversammlung vom 14. Juli wünschte Herr Pfarrer Bommer, daß das neue Geläute auch einmal in der Sendung «Glocken der Heimat» des Schweizer Radios ertönen möge. Die folgenden Beratungen und Beschlüsse von Behörde und Gemeinde galten der Aufnahme von ergänzenden Bestimmun- aen über die Familiengräber ins Friedhofregle-

 

ment. der Rechnungen und dem Budget. In den Jahren 1953, 1954 und 1955 wurden die letzte- ren wieder in gemeinsamen Versammlungen behandelt.

 

Auf das Jahr 1954 wurde der_ Steuerfuß von I3 auf 10 Prozent gesenkt. 1955 wurde der Ge- meinde ein Projekt über die Friedhoferwei- terung vorgelegt. Nach reger Diskussion wur- de der hiefür beantragte Kredit von 65 000 Fr. bewilligt. Am 30. April 1956 fand wieder eine besondere Budgetversammlung statt, in wel- cher auch dem vorgelegten Tilgungsplan für die Friedhoferweiterungs-Bauschuld zuge- stimmt wurde.

 

Die Jahresversammlung vom 27. August 1956 wurde in Vertretung des erkrankten Präsiden- ten von Vizepräsident Pfarrer Bommer gelei- tet, der bei dieser Gelegenheit der Gemeinde den Dank für ihr Wohlwollen und entgegen- kommen aussprach und damit von seinem Amt Abschied nahm. Gemeindeammann Truninger dankte im Namen der Kirchbürger dem glück- licherweise nicht aus dem Dorf scheidenden für seine von Herzensgüte getragene Wirk-

 

samkeit während 36 Jahren. Mit kräftigem Beifall bekundeten die Anwesenden ihr Bin‘- verständnis mit der wohlverdienten Ehrung. — Ins Jahr 1955 zurück ging der Beschluß, den im Jahre 1867 gegründeten Friedhoffonds an die Abzahlung der Erweiterungsschuld zu ver- wenden und die folgenden ordentlichen Be- dürfnisse des Friedhofes aus dem Kirchbau- fonds zu decken. . . V And er Zusammenkunft der paritätischen Kirchenvorsteherschaft auf dem Friedhof am 13.Dezember 1956 nahm erstmals der neue katholische Seelsorger, Herr Pfarrer Kaiser teil. Die damalige Besprechung mit dem Archi- tekten Paul Herzog und Friedhofgärtner Max Lämmler galt vor allem dem neuen Friedhof- gebäude. welches das alte Totenhäuschen aus dem Jahre i905 zu ersetzen hatte. Auch die Ausbesserung des Friedhofweges und die Honorare für einen Vortrag über Grabdenk- mal- und Friedhofkunst standen als-Traktan- den zur Beratung. — Am l6. Dezember fand in der Kirche ein von W. König arrangiertes Ad- ventskonzert statt. ‚ ‚

 

In weiteren Sitzungen vom 24. April und vom l2. Juni 1957 kamen dann außer den Friedhofstraßen auch die Aufgangstreppe von der Hauptstraße zur Kirche und die Er- neuerung von Zifferblatt und Zeigern der Turmuhr zur Behandlung. Während die Be- hörde das Ausbessern der Treppe sowie das Anbringen eines schwarzen Oberflächenbeh- ges zum Betrage von Fr. 894.50 in eigener Kompetenz beschloß, legte sie das andere Ge- schäft mit Antrag und Kreditgesuch um I0 O00 Franken am 26.August der Gemeinde vor. welche ihre Zustimmung gab. Die Erneuerunge- wahlen vom Frühjahr 1959 brachten die letz- ten personellen Aenderungen in der paritäti- schen Kirchenvorsteherschaft. indem für die beiden zurückgetretenen Herren Josef Frei- Noirjean und Direktor F. A. Halter Verwalter Karl Herzog-Geldinger und Carl Halter-Passe- temps erkoren wurden. Ueber die Kirchanlage wurde am 6. März im Beisein des neuen Fried- hoigärtners Caspar Kundert gesprochen und beschlossen, außer dem Ersatz von abgestor- benen Pflanzen zwei weitere Zierbäume anzu- schaffen, um das Gotteshaus besser gegen den Slraßenlärm abzuschirmen.

 

Die Beratungen in Behörde und Gemeinde

 

galten in der folgenden Zeit mehr dem Fried- hof, um dessen Gestaltung man sich seit jeher bemüht hatte — aber leider nicht immer mit dem besten Geschmack und Erfolg. Erst die Erkenntnis der letzten Jahre, daß man die Toten unter einem Teppich von grünen und blühenden Pflanzen, in welchem die Steine und Kreuze maßvoll ihre bescheidene Aufgabe als Denkmal erfüllen, ruhen lassen soll und nicht unter einem Gewoge von- Felsstücken mannigfacher Größe, Farbe und Gestaltung — wie man es an vielen Orten beobachten konn- te —— verspricht, den Gottesacker zu jener Stätte der Ruhe, Besinnung und des Trostes werden zu lassen, die er schon immer sein sollte und nun, unbeeinilußt vom Zeitge- schmack‚ bleiben wird. —— Außer kleinen Un- terhaltsarbeiten und Reparaturen, die als Folge von Verwitterung und-Gebrauch nötig wurden, hatte sich die Behörde in den letzten Jahren nur wenig mit der Kirche zu befassen, in und an welcher in den fünfzehn Jahren von 1947 bis 1962 für Anschaffungen und Bauten eine Viertelmillion Franken investiert worden war. Diese Darstellung der Geschichte der paritätischen Kirche Müllheim schließt, bevor die ein Dritteljahrhundert dauernde Aera von Herrn Pfarrer Otto Müller als Präsident zu Ende geht und während die Frage der Auflö- sung des paritätischen Verhältnisses und da- mit der Uebergang des Gotteshauses an die evangelische Kirchgemeinde langsam dem endgültigen Entscheid entgegenreift.

 

Es erscheint angebracht, vor der Schluß- betrachtung zum mehr als 700jährigen Ge- schehen und den Folgerungen daraus für die heutigen Probleme in der paritätischen Kirch- gemeinde eine Zusammenfassung zu geben, die zugleich mit einer wichtigen Ergänzung. die gleichzeitig eine Berichtigung bedeutet, verbunden ist. Am Anfang meiner Darstellung wurde nämlich, gestützt auf die «Geschichte von Müllheim» — verfaßt von Pfarr-Resignat Wälli in Kutzdorf Ä- berichtet‚ daß unser Got- teshaus im Jahre 1473 erbaut worden sei. Im gleichen Buch stehen nun auf Seite 302 fol- gende Sätze aus einem Memorial von Pfarrer Steger an den Bischof aus dem Jahre 1765: «Hüttlingen als Filial von Müllheim mußte a. 1473 zur Kirchenrenovation seinen Beitrag bezahlen. Jetzt ist es eine eigene (evangeli- sche. D. Verf.) Pfarrei. aber nicht ohne Acco- modement» (Vergleich) von der Mutterkirche gelöst worden.» Daraus erklärt sich, warum katholisch Hiittlingen, welches nie selbstän- dig wurde, immer noch zur katholischen und zur paritätischen Kirchgemeinde Müllheim ge- hört. Wir müssen daraus aber auch schließen, daß 1473 nicht ein Neubau, sondern nur eine größere Erneuerung des alten Gotteshauses stattfand. Damit erscheint es wahrscheinlich, daß der Ursprung unserer Kirche bis in die Zeit vor 1275, als Müllheim erstmals als Kirch- dort erwähnt wurde, zurückgeht. Nach diesem mutmaßlichen schon 300jährigen Bestehen vor der Reformation und der nun 356 Jahre wäh- renden Dauer des paritätischen Verhältnisses erachten wir die 77 Jahre von 1530 bis 1607.

 

da die evangelische Gemeinde allein über die ‚ Kirche verfügte, als eine kurze Periode. -—- Um die Frage nach der Verteilung der Unter- halts- und Baukosten unter die beiden teilbar benden Konfessionen seit 1607 zu beantwor- ten, müssen wir diesen letzten Zeitabschnitt wieder in drei Teile zerlegen: 1607-1803, 1803—1839, 1839 bis Gegenwart. Von 1607 bis 1803 besaß der Bischof von Konstanz mit der niederen Gerichtsbarkeit auch das Kollatur-‚ recht. Teils aus vertraglicher Pflicht, teils auch freiwillig zahlte er an Renovationen und Bau- ten — vor allem am Chor —— sowie für die Be-‘ dürfnisse des katholischen Kultus erhebliche Beträge, da die wenigen und dazu armen Alt- gläubigen dazu nicht fähig waren. Die übrigen Kosten trug die überwiegend evangelische Gemeinde 1803 übernahm der selbständig ge-‘ wordene Staat Thurgau mit der Gerichtsbar- keit und dem Kollaturrecht auch die finanziel- len Pflichten, die vorher dem bischöflichen Stuhl in Konstanz zukamen. Die materiellen‘ Konsequenzen wohl ahnend,»fo1gte die Gag meinde anno 1839 nur widerwillig der Wei-V‘ sung aus Frauenfeld, eine paritätische Pfleg- kommission zu wählen. Die damit erworbene Unabhängigkeit war aber auch verbunden mit der Aufgabe, selber die Mittel für Unter- halt von Kirche und Friedhof aufzubringen. Auf diesen Zeitpunkt mußte man daher zu- rückgehen -— sofern es möglich wäre —— um die Beiträge zu ermitteln, mit welchen sich die evangelischen und die katholischen Ge- meindeangehörigen in die erwähnten Kosten teilten.

 

Die Frage nach der Verteilung der Kosten für Unterhalt und Betrieb bringt uns wieder an den Ausgang zur Erforschung und Nieder- schrift der Geschichte unserer paritätischen Kirche zurück. zur Auslösung des simultan: Verhältnisses. Es war mein Bestreben, zu zei- gen, wie in der Vergangenheit beide Konfes- sionen im Verhältnis ihrer zur Verfügung stehenden Mittel zur Entstehung und zur Pile- ge des Gotteshauses beigetragen hatten. Auf beiden Seiten wurde Positives geleistet; aber auch Fehler geschehen hüben und drüben. Daraus sollten wir für die Gegenwart und die Zukunft lernen. Etwas vom wertvollsten, das wir in unserer Gemeinde besitzen, ist der konfessionelle Friede. Diesen zu erhalten und zu fördern, darf als ein Ziel der vorliegenden Arbeit gelten. So mögen auch die folgenden Darlegungen zu den heutigen Problemen um die paritätische Kirche aufgefaßt werden. Wir stellen bei den Angehörigen der katholischen

 

Kirchgemeinde drei Richtungen fest: Vl. Befür- worter eines möglichst raschen Baues einer eigenen Kirche. 2. Solche, welche zuwarten wollen, bis die Verhältnisse dafür reif sind, 3. Eine kleine Zahl konsequenter Gegner. Zu den bisherigen Argumenten des Platzmangels und der ungünstigen Gottesdienstzeiten kann die erste Gruppe als stärksten Grund das ra- sche Ansteigen der Baukosten und die damit erfolgende Entwertung des Baufonds vorbrin- gen. Der letzte Umstand hat sicher auch schon einen Teil der zweiten Gruppe umgestimmt. Deren Argumente bestehen aber auch heute noch mit vollem Recht; denn sie werden von einem großen Teil der evangelischen Bevölke- rung verstanden und geteilt. Man ist einig da- rin, dab das paritälische Verhältnis einmal aufgelöst werden muß, denn das in nächster Zeit zu erwartende Anwachsen der Bevölke- rungszahl wird zu einem Kirchenneubau zwin- gen. Man weiß aber auch, daß die Auslösung von beiden konfessionellen Kirchgemeinden vermehrte Aufwendungen fordert, von der evangelischen außer der Auslösungssumme die Renovation des übernommenen Gotteshau- ses und von beiden nunmehr das getrennte Be- streiten der Unterhalts— und Betriebskosten. Man begreift, daß die evangelischen Steuer-

 

zahler nur ungern an die stärkere Belastung denken, welche ihnen der zwar angenehme, aber doch nicht angemessene Vorteil der et- was früheren Gottesdienstzeit bringt. Ohne Zweifel wird es der katholischen Kirchge- meinde nur mit einem erheblich erhöhten Steuerfuß möglich sein, neben den ordentli- chen Ausgaben auch die Bauschulden zu ver- zinsen und abzuzahlen. Aus diesen Einsichten einerseits in die Gefahr einer konfessionellen Mißstimmung und anderseits der finanziellen Belastung — hielten (und halten es heute noch) viele Katholiken als ratsam, mit dem Bau einer eigenen Kirche weise zurückzuhal- ten. Nicht überhören und mißachten sollte man ferner den Vorwurf vieler evangelischer Mitchristen, in Müllheim betreibe man mit der Kirchenbaupolitik das Gegenteil zu der Emi- gungsaktion, die von den Päpsten Johannes XXlII. und Paul VI, eingeleitet worden sei. Man betrachtet folglich das gemeinsame Got- teshaus als ein Symbol der Zusammengehörig- keit im christlichen Glauben, das man nur un- gern aufgibt.

 

Es wiirde dem Gebot der christlichen Näch- stenliebe widersprechen und wäre darum pa- radox, wenn die neue katholische Kirche auf Kosten des konfessionellen Friedens erbaut

 

würde. Anderseits sollte man auch Verständ- nis für die Wünsche der konfessionellen Min- derheit aufbringen und bereit sein, die einge- leiteten Auslösungsverhandlungen weiter zu führen. Es muß dabei früher oder später doch zu einem. «gut schweizerischen» Kompromiß kommen und jene Behörden, die ihn zustande bringen, verdienen mit den Stimmbürgem. welche ihn genehmigen. die Anerkennung der gegenwärtigen und zukünftigen Generation. Es bleibt mir noch die Pflicht zu danken für die Mithilfe und die Anerkennung, die ich bei der Ausführung der Arbeit erfahren habe, so Herrn Pfarrer Müller für das Ausleihen der «Geschichte von Müllheim» von Pfau-Resi- gnat Wälli, den Archivaren W, König und E. Sampiero für den gewährten Einblick in die alten Akten, dem paritätischen Kirchenpfle» ger und Aktuar H. Gattiker für das Ueberlas— sen der Protokolle. HH. Pfarr-Resignat Bo_m— mer für wertvolle Hinweise, dem Staatsarchi-. varen Dr. B. Meyer für seine Quellenlieferun- gen zum thurgauischen Münzwesen‚ der Re. daktion und dem Verlag des «Thurtal-Anzei» gers» für die bereitwillige Aufnahme der Arti- kelreihe in die Zeitung sowie allen Leserinnen und Lesern, die mir ihr Interesse an derselben bekundet haben. Der Verfasser