Die goldene Turmkugel beinhaltet wichtige Zeitdokumente

Die goldene Turmuhr beinhaltet wichtige Zeitdokumente1Spannung herrschte am 17. Mai 1983 als Kirchenvorsteher und Pfarrer Zusammen mit dem Architekten und dem Spenglermeister die goldene Turmkugel öffneten. Tatsächlich fand sich in der Kugel eine Blechkapsel, die nach fachgerechtem Aufsägen ihre Schätze preis gab. Sie beinhaltete eine Pergamenturkunde, datiert vom November 1863; der Text beschreibt die Baugeschichte der Kirche sowie die Zeitumstände. Unterschrieben ist sie vom damaligen Pfarrer Brenner, dem Gründer des Erziehungsheims Mauren, der Arbeiterkolonie Herdern und der Haushaltungsschule Neukirch an der Thur. Die Weiteren Vergangenheitszeugen stammen von 1942, als wiederum eine grössere Renovation ausgeführt wurde. Auf einer vom damaligen Oberlehrer Max Ammann geschriebenen und von Pfarrer Otto Müller unterschriebenen Urkunde Wird auf die damaligen schweren Zeiten hingewiesen. Einige Ansichtskarten von Müllheim sowie Zeitungen vom Oktober 1942 sind als eindrückliche Zeitdokumente beigelegt.

Kugeln wieder angebracht

Am 12. September 1983 – fast auf den Tag vier Monate nach dem Herunterholen der Turmkugel – wurden die Dokumente wieder in der frisch vergoldeten Turmkugel versorgt. Zu den Urkunden aus den Jahren 1863 und 1942 gesellten sich nun Zeugnisse aus unserer Zeit: Eine Urkunde, deren Inhalt sich auf die heutigen Verhältnisse bezieht, die Jahresrechnung 1982 der Evangelischen Kirchgemeinde, der Einheits-, Schul- und paritätischen Friedhofgemeinde, Zwei Zeitungen, die Jubiläumsschrift zur Innenrenovation 1978, einige Fotos, den September-Kirchenboten, dazu einen Satz eidgenössischer Münzen und ein Goldvreneli. Die beiden Kapseln wurden an Ort verlötet. Auf den Bettag waren die vier kleinen Kugeln auf den Wimperg-Giebeln und die grosse auf der Turmspitze wieder angebracht, samt dem neuen, in der alten Form angefertigten Kreuz und dem Wetterhahn. Nachstehend Ausschnitte aus den verschiedenen Zeitdokumenten.

Im Jahre 1863

1863: Pfarrer Karl Brenner, Präsident der paritätischen Baukommission: «Die Baute erstreckte sich über folgende Punkte: Bau neuer Windberge, eines neuen Helms, eines neuen Blitzableiters, Verputz des ganzen Kirchthurms, Vollständiger Reparatur der Uhr und Erstellung 4 neuer Zeittafeln, äusserer Verputz von Chor und Schiff der Kirche, vollständige Reparatur im Innern der Kirche und des Thurmes. Diese Arbeiten wurden, mit Ausnahme der Decker-, Spengler-, Kupferschmied- und Uhrenmacher-Arbeiten, übernommen von Baumeister Pankraz Raggenbass von Amriswil um die Summe von Frk.7265–. Unser öffentliches Leben ist ruhiger und friedlicher als in früheren Zeiten, und wenn auch nicht alles so ist, wie es sein sollte, so dürfen wir unserer Bevölkerung doch das Zeugnis geben, dass in ihr im Ganzen ein gesunder sittlicher Geist lebt; dass die allgemeine Bildung mehr und mehr zunimmt und überhaupt eine gesunde Entwicklung vorhanden ist …»

Im Jahre 1942

1942: Pfarrer Otto Müller, Präsident der paritätischen Kirchenvorsteherschaft: «Die Landwirtschaft muss sich im ganzen Land zwecks besserer Eigenversorgung der Schweiz auf Ackerbau umstellen. Von den 464 Hektaren Kulturland unserer Gemeinde waren 1939 nur 90 Hektaren nicht Wiese; jetzt sind 173 Hektaren mit Brot- und Hackfrüchten bepflanzt. Der Rebbau ist seit 1920 ganz aus unserer Gegend verschwunden. Der Wert einer Juchart wird jetzt auf Fr. 3000 geschätzt. Am letzten Sonntag wurde die Erstellung einer elektrischen Grastrocknungsanlage im Hasli in Aussicht genommen; sie soll auf ca. Fr. 220.000 zu stehen kommen. Die Zukunftsprognose ist düster … Die immer Zahlreicheren Fälle von Landesverrat bei uns, die Angriffe auf unsere Pressefreiheit von Norden her, die vielen tausend Flüchtlinge, meistens Juden, die den Deportationen entfliehen, erzeugen eine Atmosphäre neuer Befürchtungen

… Nachtrag vom 26. Oktober, Tag der Verwahrung im Turm. Die Bauarbeiten sind zur Hauptsache glücklich beendet. Ende dieser Woche müssen die meisten Wehrfähigen zum Aktivdienst einrücken. Vorgestern Beginn einer grossen Offensive der Engländer in Ägypten und zwei schwere Luftangriffe der Briten auf Oberitalien, wobei der Schweizer Luftraum mehrfach überflogen wurde trotz unserer Flugabwehr …»

Im Jahre 1983

1983: Pfarrer Heinz Egger im Auftrag der evangelischen Kirchenvorsteherschaft: «Die rohstoffarme Schweiz ist zu einem der reichsten Länder geworden, nicht ohne den Zustrom hunderttausender von ausländischen Arbeitskräften . Die ins Land hinauswachsenden Ortschaften und ein dichtes Netz von breiten Strassen und Autobahnen lassen den Boden knapp werden. Indes macht sich auch in unserem wohlhabenden Land eine wirtschaftliche Krise bemerkbar. Dies alles hinterlässt tiefe Spuren in Mensch und Gesellschaft: Verbrauchs- und Wegwerfmentalität, Gewinnsucht und Spekulation, «permissive» und «pluralistische» Gesellschaft mit zerstörten oder doch wankenden Normen, steigende Kriminalität, politische Abstinenz und Polarisierung. Der einst so dankbar begrüsste «Fortschritt» und das Streben nach Wachstum stossen an die Grenzen der materiellen und geistigen Umweltzerstörung … Die kleiner gewordene Welt, die zusammengerückte Menschheit ist überlagert von Konflikten. Der Ruf nach Wegen zum Frieden, nach Abrüstung, nach gemeinsamer Sicherheit und ausgleichender Weltwirtschaftsordnung ist weltweit und unüberhörbar. In dieser kleinen und grossen Welt haben wir Christen aus unserem Glauben zu leben. Was für Aufgaben für die Kirche, das eine Gottesvolk, dem die frohe Botschaft Vom Heil zwischen Gott und Mensch, zwischen Mensch und Mitmensch anvertraut ist! Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.